- Frauen in der Logistik
Vom Betriebshof in die Geschäftsleitung
Wenn Kindheit nach Diesel riecht - ein Interview mit Ruth Pflaum von Spedition Pflaum GmbH.
In a nutshell: Logistik ist eine Branche, ohne die nichts läuft und trotzdem ist sie für viele Frauen noch immer eine „Männerwelt“. Nicht, weil Frauen nicht geeignet wären. Sondern weil sie oft gar nicht erst sichtbar werden: in Bewerbungen, in operativen Bereichen, in Führungsebenen.
Ruth Pflaum von der Spedition Pflaum GmbH kennt diese Realität aus nächster Nähe, als Gesellschafterin in einem traditionsreichen Familienunternehmen und als Vorsitzende der Initiative „Logistik ist weiblich“. Im Interview spricht sie offen über Rollenbilder, fehlende Vorbilder, alte Branchenklischees und darüber, was sich ändern muss.
Wenn Kindheit nach Diesel riecht
Für Ruth war Logistik nie ein exotischer Beruf. Sie ist im Familienunternehmen groß geworden, zwischen Büro, Hof und LKW. „Meine ganze Kindheit hat in der Firma stattgefunden. Ich habe auf dem Betriebsgelände gespielt und Hausaufgaben bei meiner Mama im Büro gemacht.“
Die Branche war immer präsent, nicht unbedingt als Karriereplan, sondern als Alltag. „Ich kenne eigentlich nichts anderes außer LKW, Stapler, Werkstatt – alles, was zur Logistik dazugehört.“ Dass sie irgendwann selbst in die Geschäftsleitung geht, war allerdings nicht automatisch entschieden. „Ich wollte nicht übernehmen, nur weil es der Wunsch meiner Eltern ist. Ich wollte es nur machen, wenn ich wirklich überzeugt davon bin.“
Akzeptanz kommt nicht über Nacht
In einem Unternehmen aufzuwachsen, heißt nicht automatisch, dass alle jubeln, sobald man Verantwortung übernimmt. Der Weg in die Geschäftsleitung war kein Selbstläufer. Ruth beschreibt die Anfangszeit in ihrer neuen Rolle fast wie eine Art Probezeit. „Bei den Kollegen*innen war am Anfang viel Neugier und teilweise auch Skepsis. Das ist völlig normal.“ Gerade in einem Unternehmen, in dem viele Mitarbeiter*innen schon lange dabei sind, wird jede Veränderung genau beobachtet. „Manche kannten mich noch aus der Ausbildung oder sogar von früher, als ich noch ein Kind war. Und plötzlich sollst du Entscheidungen treffen.“

Akzeptanz ist in so einer Situation nichts, was man bekommt. Sondern etwas, das man sich Tag für Tag erarbeitet. Nicht durch Lautstärke. Nicht durch Show. Sondern durch Arbeit. „Die Akzeptanz kam nicht über Nacht. Das war tägliches Handeln. Heute weiß das Team: Ich packe mit an, ich höre zu und ich treffe klare Entscheidungen.“
Der Wendepunkt kam für sie durch ein unerwartetes Ereignis im Alltag: „Ein langjähriger Mitarbeiter hat mich nach einem Meeting zur Seite genommen und nach meinem Feedback gefragt. Da wusste ich: Jetzt ist es angekommen. Jetzt habe ich Akzeptanz.“
Frauen können Führung. Aber sieht sie jemand?
Auf die Frage, ob Frauen es schwerer haben, in Führungsrollen zu kommen, antwortet Ruth überraschend klar und sehr differenziert. „Ich finde nicht, dass es direkt um die Frau als Führungskraft´ geht. Sondern um die sichtbare Frau.“
Denn in der Logistik sind Männer oft schlicht in der Überzahl, besonders im operativen Bereich „Wir haben so viel mehr Männer, dass Frauen automatisch schneller in den Hintergrund rücken.“ Dabei zählt für sie persönlich nicht das Geschlecht: „Bei uns im Betrieb ist es egal, ob Frau oder Mann. Es geht um Kompetenz.“ Aber genau hier entsteht das strukturelle Problem: Wenn es weniger Frauen gibt, die sich überhaupt bewerben oder sichtbar werden, landen am Ende auch weniger Frauen in leitenden Positionen. „Wenn wir weniger weibliche Bewerberinnen und weniger weibliche Kompetenz im Pool haben, dann haben wir am Ende auch weniger Frauen in Führungspositionen.“
Ruth spricht im Interview einen Punkt an, den viele Frauen sofort wieder erkennen dürften: Selbstmarketing ist nicht immer selbstverständlich. „Frauen tun sich oft schwerer damit, sich zu präsentieren und zu sagen, was sie alles können.“Stattdessen hoffen viele darauf, „irgendwann entdeckt“ zu werden. Genau hier sieht Ruth Unternehmen in der Verantwortung. „Arbeitgeber können aktiv hinschauen und sagen: ‚Hey, hier sitzt jemand mit voller Kompetenz, auch wenn sie vielleicht nicht die Lauteste ist.“
Frauen haben Logistik oft gar nicht auf dem Schirm
Ruth setzt den Hebel deshalb viel früher an: bei der Ausbildung und bei Berufsentscheidungen. „Mehr Frauen in die Logistik zu bekommen, da fängt es schon an.“ Denn die Bewerbungen in ihrem Unternehmen zeigen ein klares Muster:„Wenn wir Bewerbungen für ,Kaufmann für Spedition und Logistik´ bekommen, dann sind das meistens Männer. Frauen bewerben sich eher auf Büromanagement.“ Das Entscheidende: Sobald junge Frauen verstehen, was Logistik wirklich ist, verändert sich vieles. „Wenn wir mit den Bewerberinnen sprechen und den Beruf erklären, entscheiden sich am Ende tatsächlich viele doch für die Spedition.“ Ruth nennt das Problem beim Namen: „Das zeigt mir: Wir schaffen es einfach nicht, bei jungen Frauen überhaupt auf dem Schirm zu sein.“
Ein Grund dafür ist das Klischee, das Logistik bis heute begleitet. „Wir haben leider immer noch ein negativ belastetes Image. Und das müssen wir endlich beiseiteschieben.“ Denn moderne Logistik hat längst nichts mehr mit „nur LKW fahren“ zu tun. „Die Logistik beinhaltet alles: Digitalisierung, IT, Organisation, Menschenführung. Es ist vielfältig“, schwärmt Ruth. Und wenn Ruth einer jungen Frau heute einen Rat geben müsste, dann wäre es kein langes Motivationsstatement, sondern ein einfacher Satz: „Schnuppert rein. Ihr könnt nichts verlieren.“
Denn wer einmal in die Branche eintaucht, merkt schnell: Logistik ist viel mehr als ein Klischee. "Wenn man einmal drin ist, hat man so viele Möglichkeiten und Abzweigungen. Man ist in der Logistik immer auf einem sicheren Weg.“
Regionalität als Startpunkt
Employer Branding, Nachwuchsgewinnung, Vorbilder – das klingt nach großen Kampagnen. Ruth hält dagegen: „Regional ist so viel möglich, auch ohne riesigen Aufwand.“ Denn jede Region hat Ansatzpunkte: „Jeder hat eine Schule, einen Kindergarten oder einen Verein. Man kann in kleinen Schritten anfangen.“
Sie erzählt von einem Event, bei dem ein einziger Perspektivwechsel ausgereicht hat, um Menschen wirklich zu erreichen. „Wir haben bei einem Fest einen LKW hingestellt und die Leute einsteigen lassen, um den toten Winkel zu erklären.“ Die Reaktion war eindeutig: „Sobald die Menschen am Steuer saßen, kam sofort: ‚Das ist ja Wahnsinn – man sieht ja vorne gar nichts!‘“
Für Ruth sind solche Momente entscheidend, um das Bild der Branche zu verändern. „Wenn wir solche Themen verständlich rüberbringen, dann erreichen wir unglaublich viel.“ Natürlich kommt oft das Gegenargument: Keine Zeit. Keine Ressourcen. Kein Budget. Ruth antwortet darauf pragmatisch und direkt: „Wer nicht anfängt, kann auch nichts erreichen.“ Denn Sichtbarkeit ist für sie kein „Nice-to-have“, sondern eine Investition in die Zukunft. „Jeder Schritt bringt uns nach vorne.“
„Logistik ist weiblich“- ein Herzensprojekt
Ruth engagiert sich deshalb nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch branchenweit. Seit Anfang des Jahres ist sie Vorsitzende im Beirat von „Logistik ist weiblich“. Die Initiative verfolgt ein klares Ziel: „Sie wurde ins Leben gerufen, um Chancengleichheit und Fairness in der Transport- und Logistikbranche zu fördern.“ Unterstützung kommt sogar politisch: „Wir werden vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr unterstützt.“
Besonders wichtig ist Ruth dabei: Es soll nicht elitär sein. Sondern zugänglich. „Wir gründen gerade ein Netzwerk, in dem wirklich jede teilnehmen kann – auch Azubis oder Privatpersonen.“ Ruth zeigt: Frauen müssen in der Logistik nicht „hineinpassen“. Sie passen längst hinein. Aber sie müssen gesehen werden, als Bewerberinnen, als Expertinnen, als Führungskräfte.
Oder wie sie es selbst sagt: „Es geht nicht nur um Frauen in Führung. Es geht um die sichtbare Frau.“ Und genau das ist der Kern des diesjährigen Mottos „Give to Gain“: Wenn Unternehmen Frauen Raum geben, Sichtbarkeit schaffen und Potenziale aktiv fördern, gewinnt am Ende nicht nur die einzelne Frau, sondern die gesamte Branche.