• Interview
  • Aktuelles
  • Transport

Von 100 Schiffen auf null: Ein System kippt

Lisa-Marie Karusseit

Wie Geopolitik die Regeln globaler Lieferketten neu schreibt - mit Supply-Chain- und Logistikexperte Muhammad Shoaib.

In a nutshell: Die Spannungen rund um die Straße von Hormus zeigen drastisch, wie verletzlich globale Lieferketten wirklich sind. Unternehmen stehen unter Zugzwang. Sie müssen neu denken, wie Waren um die Welt kommen. Im Gespräch erklärt Supply-Chain- und Logistikexperte Muhammad Shoaib, warum wir nicht nur eine kurzfristige Krise erleben, sondern einen strukturellen Wendepunkt. Seine Botschaft ist eindeutig: Resilienz, Diversifizierung und klügere Planung sind heute entscheidend. 

Ein System gerät ins Wanken 

Über Jahre hinweg folgte alles einem klaren Prinzip: Effizienz. Lieferketten wurden so aufgebaut, dass Waren möglichst schnell und kostengünstig ans Ziel gelangen. Häufig basierte dieses System auf wenigen Routen und einer begrenzten Anzahl an Lieferanten. 

Genau dieses Modell verliert jetzt seine Stabilität. Mit den wachsenden Spannungen an zentralen Engpässen wie der Straße von Hormus steigen die Risiken spürbar. Routen, die lange als verlässlich galten, werden plötzlich zum Unsicherheitsfaktor. 

Supply-Chain- und Logistikexperte Muhammad Shoaib

Für Muhammad Shoaib, der seit mehr als zehn Jahren globale Warenströme zwischen Asien, Europa und Nordamerika steuert, ist klar: Das ist mehr als eine vorübergehende Krise. „Viele sehen darin nur eine kurzfristige Störung. Ich sehe einen grundlegenden Wandel darin, wie kritische Handelsrouten genutzt und kontrolliert werden. Globale Lieferketten können sich nicht länger auf einen einzigen Weg verlassen.“ 

Was früher als neutral galt, entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Machtfaktor. Handelsrouten sind heute Teil geopolitischer Dynamiken und entsprechend anfällig für Störungen. „Früher standen Stabilität und Kosten im Fokus. Heute bestimmt geopolitisches Risiko direkt, wie und wohin sich Waren bewegen.“ 

Für Logister*innen bedeutet das vor allem eines: mehr Komplexität. Unternehmen reagieren mit Diversifizierung. Sie bauen alternative Routen auf, arbeiten mit mehreren Lieferanten und erhöhen ihre Lagerbestände. „Das macht Lieferketten teurer und komplexer. Deshalb entwickelt sich gerade ein hybrider Ansatz. Effizienz und Resilienz müssen in Einklang gebracht werden. Viele Unternehmen sind davon aber noch weit entfernt.“ 

Wenn Lieferketten reißen 

Wenn eine Route ausfällt, gerät in Logistikorganisationen alles in Bewegung. Entscheidungen müssen unter Hochdruck getroffen werden. 

Der erste Schritt ist klar definiert: Bestände sichern. 
„Zuerst geht es darum, die Ware zu schützen. Wenn eine Route blockiert ist, bringen wir Sendungen in den nächstgelegenen sicheren Hafen.“ 

Danach beginnt die operative Neuplanung. 
„Im zweiten Schritt organisieren wir neue Wege, damit die Ware ihr Ziel erreicht. Im dritten Schritt geht es um langfristige Anpassungen wie neue Lieferanten und Regionen.“ 

Hier zeigt sich, wie sehr sich das Berufsbild verändert hat. Lieferkettenmanagement ist heute strategische Arbeit unter Unsicherheit. „Du kannst Entscheidungen in der Lieferkette nicht mehr getrennt von globaler Politik betrachten. Handelsrouten sind strategische Ressourcen geworden.“ 

Abschied vom Just-in-Time-Prinzip 

Ein zentraler Wandel betrifft das bisherige Effizienzmodell selbst. Das lange dominierende Just-in-Time-Prinzip verliert an Bedeutung. Stattdessen setzt sich ein neuer Ansatz durch: Just-in-Case. 

„Just-in-Time war lange das Ideal. Unter den aktuellen Bedingungen funktioniert dieses Modell nicht mehr zuverlässig.“ 

Unternehmen setzen verstärkt auf Sicherheitsbestände, alternative Beschaffungsquellen und Notfallpläne. Gleichzeitig bleibt der Druck hoch, effizient zu arbeiten. Genau darin liegt die Herausforderung. 

Die Branche im Überlebensmodus 

Aktuell befindet sich die Branche in einer Übergangsphase, die Muhammad als Überlebensmodus beschreibt. 

„Diese Phase wird vorbeigehen. Aber im Moment geht es darum, handlungsfähig zu bleiben.“ 

Vor allem kleinere Unternehmen stehen unter Druck. 
„Ein Teil der E-Commerce-Anbieter*innen wird den Markt verlassen. Bestehen werden vor allem diejenigen, die finanziell stabil sind oder sich schnell anpassen.“ 

Sein Appell ist klar: Die Krise bietet auch Chancen. Muhammad erklärt: „Jetzt ist der Moment, alte Muster zu hinterfragen und neue Wege zu finden. Während einige zögern, entwickeln andere Lösungen.“ Langfristig werden sich vor allem Unternehmen durchsetzen, die flexibel, datengetrieben und widerstandsfähig agieren. Für Logister*innen bedeutet das: Anpassung ist keine Option, sondern Voraussetzung. 

Technologie als Werkzeug, nicht als Lösung 

Mit steigender Komplexität gewinnt Technologie weiter an Bedeutung. Besonders Künstliche Intelligenz und Echtzeitdaten verändern die Steuerung von Lieferketten. 

Doch Technologie allein reicht nicht aus. „Technologie schafft Transparenz. Entscheidend ist, wie Führungskräfte diese Informationen nutzen,“ sagt Muhammad.  

Echtzeit-Tracking hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen. Eingriffe während des Transports bleiben jedoch begrenzt. „Sobald sich Ware auf hoher See befindet, sind Anpassungen kaum möglich. Die entscheidenden Entscheidungen fallen in der Planungsphase oder an Umschlagpunkten.“ 

Großes Potenzial sieht Muhammad in KI-gestützten Systemen, die: 

  • optimale Routen unter aktuellen Bedingungen berechnen 
  • alternative Lieferanten identifizieren 
  • Kostenentwicklungen frühzeitig prognostizieren 

„Das wird die Branche verändern. Aber die Verantwortung bleibt beim Menschen.“ 

Neue Anforderungen an Führungskräfte 

Auch die Rolle von Supply-Chain-Manager*innen verändert sich grundlegend. 

Neben operativem Know-how wird ein tiefes Verständnis für geopolitische und wirtschaftliche Zusammenhänge immer wichtiger. „Geopolitische Entwicklungen zu verstehen ist heute Teil guter Entscheidungsfindung.“ 

Die Dynamik nimmt zu. Bewährte Strategien verlieren schneller ihre Gültigkeit. „Es gibt keine einfachen Regeln mehr. Du musst kontinuierlich lernen und dich anpassen.“ 

Gefragt sind Führungskräfte, die globale Entwicklungen einordnen und auf den operativen Alltag übertragen können. „Wer heute erfolgreich sein will, muss in jeder Situation neu denken,“ betont Muhammad.  

Ausblick: Anpassung entscheidet 

Die aktuelle Lage zwingt Unternehmen zu grundlegenden Entscheidungen. Wie viel Risiko ist tragbar? Wie viel Investition in Resilienz ist notwendig? 

Für Muhammad ist die Richtung klar: „Unternehmen müssen Systeme schaffen, die mehr Transparenz bieten und bessere Entscheidungen ermöglichen.“ In einer Welt, in der Unsicherheit zum Normalzustand wird, ist Anpassungsfähigkeit kein Vorteil mehr. Sie ist die zentrale Voraussetzung für langfristigen Erfolg. 

Autor*in

Lisa-Marie Karusseit

Lisa ist seit mehreren Jahren als Personal- und Kommunikationsexpertin in den Bereichen E-Commerce und Logistik tätig. Bei even logistics teilt sie ihre umfangreichen Erfahrungen, führt Gespräche mit Expert*innen und zeigt auf, wie starke People & Culture-Strategien den nachhaltigen Erfolg von Logistikunternehmen fördern. Jenseits des beruflichen Alltags tobt sich Lisa mit abstrakter Kunst kreativ und auf dem Surfbrett sportlich aus.


MH Transport und Logistik klein WEB 00583
People&Culture Leadership

Ich, mein Schwiegervater und die Nachfolgeplanung

Rein ins Familienunternehmen - zwischen großen Fußstapfen und eigenem Weg. Der zweite Teil des Interviews mit Patrick Bauer.

MH Transport und Logistik klein WEB 00190
People&Culture Leadership

Vom FC Bayern an die Laderampe

"Es hat mich komplett überfahren" - ein Gespräch mit Patrick Bauer, MH Transport Und Logistik GmbH.

Thumbnail cmc cd
Nachhaltigkeit Verpackung ▶️ On-demand

Box Last Packaging: Nicht komplizierter, nur anders

Antworten aus dem even Webevent mit Oliver Betzer, Business Development Manager & Senior Sales Manager bei CMC Packaging Automation.

Thumbnail ranpak cd 2
Verpackung ▶️ On-demand

Daten aus der Packstraße: Erst wissen, was du verschickst, dann automatisieren

Antworten aus dem even Webevent mit Torben Schultze, Sales Director bei Ranpak.

Thumbnail xproma cd

Verpackungsmaschinen im Überblick: Gute Automatisierung beginnt in den Daten

Antworten aus dem even Webevent mit Nele Logemann, Director Sales & Administration bei XPROMA.

Thumbnail ppwr cd karten
Verpackung ▶️ On-demand

PPWR nach dem ersten Schock: Was jetzt wirklich dringend ist

Antworten aus dem even Webevent mit dem unabhängigen Verpackungsberater Max Haschke.

241127 even blog beitragsbild 5
People&Culture Leadership

Mindestlohnerhöhung 2027: Was Logistikunternehmen jetzt vorbereiten sollten

Für manche Unternehmen wird die Antwort klar sein: Die gesetzliche Erhöhung wird umgesetzt, denn mehr ist wirtschaftlich nicht möglich.

Bildschirmfoto 2026 09 24 um 13 58 57

GTP-Station mit Robotik nachrüsten – Antworten aus dem even Webevent mit Berkshire Grey

Nicolas Dewit von Berkshire Grey über Entscheidungsfindung und die richtige Vorbereitung.

Black Friday4 2
People&Culture

Black Friday und Auswirkungen auf die Logistikbranche

Shoppingekstase für die einen, logistische Herausforderung für die anderen.

Foundersleague Mannheim Tristan Weydt 93
People&Culture Insights

Unternehmertum zwischen Champagner und Panikattacken

Die unzensierte Wahrheit über den Aufbau eines Logistikunternehmens - mit Joshua Balczerowski, Mitgründer und CEO von Comgistics GmbH.

260813 Blogteaser Sonntagsfahrverbot 1920 x 1440 px
Aktuelles Transport

Sonntagsfahrverbot für Lkw gelockert: Löst mehr Straße das Niedrigwasser-Problem?

Über die Ausnahmeregelung, die vier Bundesländer wegen Rhein-Niedrigwasser erlassen haben und warum sie in der Branche umstritten ist.

Liane Stoeckeler
People&Culture Leadership

Das Diensthandy bleibt aus

Wie Liane Menschlichkeit und Resilienz in der Pharma-Logistik vorlebt.