- Frauen in der Logistik
Latzhose, Sicherheitsschuhe, Gabelstapler
Warum die Logistik ihr verstaubtes Image ablegen muss - im Interview mit Stefanie Schlichting.
In a nutshell: Die Logistikbranche steckt in einem Image-Dilemma: Während hochkomplexe Algorithmen und KI-gestützte Prozesse die Realität bestimmen, hält sich das Bild des „Mannes in Latzhose“ hartnäckig. Stefanie Schlichting, ehemals Head of Logistics & Warehousing bei Brilliant AG, räumt mit diesen Klischees auf. In unserer Frauentagsserie „Give to Gain“ zeigt sie, warum moderne Führung Empathie braucht, wie sie als Quereinsteigerin aus der Medizin die Branche erobert hat und warum echte Veränderung erst durch Sichtbarkeit und den Mut zu neuen Denkweisen entsteht.
Vom Therapieraum ins Hochregal
„Ursprünglich komme ich ja aus der Medizin“, beginnt Stefanie ihre Erzählung. Es ist ein ungewöhnlicher Startpunkt für eine Frau, die später die strategische Verantwortung für riesige Logistikzentren tragen sollte. Als gelernte Ergotherapeutin führte ihr Weg über eine Zeitarbeitsfirma direkt in das Herz der Logistik: ein vollautomatisiertes Hochregallager bei Tchibo. „Was mich damals sofort fasziniert hat, war die schiere Dimension. Mit 33 Metern Lagerhöhe war es damals das höchste Hochregallager Europas. Das hat mich gepackt und seitdem nicht mehr losgelassen.“
Heute ist Stefanie eine gefragte Expertin in einem Feld, das nach wie vor als Männerdomäne gilt. Das diesjährige Motto des Weltfrauentags, „Give to Gain“, ist für sie kein bloßer Slogan, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Es geht darum, Wissen und Vertrauen zu geben, um als Branche Talente und Zukunftsfähigkeit zu gewinnen.
Empathie, die beste Führungsstrategie
Stefanies Führungsstil ist geprägt von ihrer medizinischen Vergangenheit. Sie führt mit einer Mischung aus analytischer Schärfe und menschlicher Nahbarkeit. „Ich bin der festen Überzeugung: Der Erfolg meiner Mitarbeiter*innen ist mein Erfolg. Wenn sie scheitern, habe ich auch keinen Erfolg. Meine Aufgabe ist es, den Rahmen zu schaffen, in dem sie glänzen können.“
Ihr Büro wählt sie bewusst nicht in der fernen Verwaltung, sondern direkt an der Logistikfläche. „Ich möchte nah dran sein. Ich will spüren, was im Team passiert.“ Dieser Ansatz von „Give to Gain“, Vertrauen und Unterstützung geben, um Loyalität und Leistung zu gewinnen, zahlt sich aus. Sie bringt eine familiäre Komponente in die Logistik, ohne dabei die Zahlen aus den Augen zu verlieren. „Ich schaue sehr genau auf die Zahlen, nutze Daten zur Validierung, aber die Lösung erarbeite ich im Gespräch mit den Mitarbeiter*innen.“

Der Kampf gegen „gewachsene Strukturen“
Trotz der Modernisierung der Anlagen hinken die personellen Strukturen in der Branche oft hinterher. Wenn Stefanie auf Fachmessen wie der LogiMAT unterwegs ist, erlebt sie immer wieder skurrile Situationen. „Wenn ich an einen Stand trete, wenden sich die Leute oft zuerst meinem männlichen Kollegen zu. Er muss dann erst einmal klarstellen: ‚Ich bin der Assistent von Frau Schlichting.‘ Dann folgt oft ein irritierter Blick, denn man traut der Frau die Führungsposition schlicht nicht sofort zu.“ Für Stefanie ist klar: Frauen leisten nicht weniger. „Mein Gehirn funktioniert genauso wie bei Männern. Nur dass ich vielleicht andere Wege gehe oder anders denke.“ Unterschiedliche Herangehensweisen seien kein Nachteil, sondern eine Ergänzung.
Stefanie sieht viele Ursachen des Ungleichgewichts in gewachsenen Strukturen. Vor allem in familiengeführten oder mittelständischen Unternehmen prägen oft noch ältere Generationen das Bild von Führung. Viele dieser Strukturen würden sich erst mit dem Generationswechsel nachhaltig verändern. Bis dahin sei es oft ein Kampf gegen unbewusste Vorurteile. In manchen Führungsetagen sei es immer noch „bequemer“, unter Männern zu bleiben, weil man die gleiche Sprache spreche oder den gleichen Humor teile. Doch Bequemlichkeit ist der Feind des Fortschritts.
Das Image-Problem: Ein blinder Fleck in der Wahrnehmung
Wer würde seiner 16-jährigen Tochter ernsthaft eine Karriere in der Logistik empfehlen, wenn man selbst nicht aus der Branche kommt? Zu tief sitzt das Vorurteil von dunklen Hallen und schwerem Heben. Genau hier beginnt das Problem. Kaum jemand denkt sofort an KPIs, Automatisierung oder komplexe Steuerungsmodelle. „Nenne mir jemanden, der ein anderes Bild im Kopf hat“, fordert Stefanie heraus. Es ist die Frustration über eine Branche, die sich unter Wert verkauft.
Dabei habe sich die Realität längst verändert. „Wir sind gar nicht mehr so körperlich belastet wie vor zwanzig Jahren. Heutzutage wird ja alles automatisiert.“ Moderne Logistik sei technologiegetrieben, datenbasiert und hochkomplex. Ein Feld, das analytische Stärke, Organisationsfähigkeit und Führungsqualitäten verlangt. Eigenschaften, die keineswegs geschlechtsspezifisch sind.
Sichtbarkeit wirkt: Vorbilder schaffen Zukunft
Sobald junge Frauen im direkten Austausch sehen, dass Führungspositionen in der Logistik weiblich besetzt sind, verändert sich oft der Blick. Stefanie berichtet von Gesprächen mit Schülerinnen, die sie fragten: „Was muss ich eigentlich machen, um mal in die Position zu kommen, wo du jetzt arbeitest?“
Sichtbarkeit wirkt. Vorbilder wirken. Es geht darum, Barrieren im Kopf abzubauen. „Wir brauchen in der Logistik keine Frauenquoten, die am Ende zu Lasten der Qualität gehen. Wir brauchen einfach die besten Köpfe für die komplexen Aufgaben der Zukunft und die sind oft weiblich.“
Für Stefanie bedeutet das auch, dass Männer als „Allies“ (Verbündete) auftreten müssen. Führungskräfte sollten Potenzial geschlechterneutral fördern und mutig genug sein, verkrustete Muster aufzubrechen. Sie selbst habe von einem Vorgesetzten profitiert, der früh an sie glaubte. „Er hat immer Potenzial in mir gesehen, obwohl ich es ganz am Anfang selbst nicht gesehen habe.“ Ohne diesen Zuspruch hätte sie womöglich nicht den Mut gefasst, den nächsten Schritt zu gehen. „Vielleicht hätte ich ohne diese frühe Förderung auch nie dieses Gefühl gehabt, dass ich es schaffe.“
Das neue Gesicht der Logistik
Der Weg zu einer modernen, diversen Logistik ist noch lang, aber die Richtung stimmt. Für Stefanie ist der Schlüssel eine Führungskultur, die auf Zusammenhalt und gegenseitigem Empowerment basiert.
Wer heute gibt – Vertrauen, Sichtbarkeit und Förderung –, wird morgen eine Logistikwelt gewinnen, die nicht nur effizienter, sondern auch menschlicher und zukunftsfähiger ist. Die Logistik ist bereit für den Wandel. Es wird Zeit, dass wir ihn gemeinsam gestalten.