- Frauen in der Logistik
Unsichtbar trotz Mitgründung
Warum die Logistik Frauen braucht und sie trotzdem übersieht - ein Gespräch mit Maria Bussmann von majamo fulfillment.
In a nutshell: Zwei Gründer*innen. Ein Unternehmen. Ein Termin. Und trotzdem wird nur einer wahrgenommen. Diese Geschichte ist kein Einzelfall, sondern struktureller Alltag in einer männerdominierten Branche. In dieser Ausgabe der even logistics Frauentagsserie erzählt Maria Bussmann, Gründerin und Geschäftsführerin von majamo fulfillment, wie es ist, als Frau in der Logistik sichtbar zu sein und gleichzeitig übersehen zu werden. Es geht um Machtbilder, Rollenklischees und Unsichtbarkeit ebenso wie um unternehmerische Verantwortung, operative Exzellenz und Führung in einer sich durch E-Commerce und D2C verändernden Branche.
Quer eingestiegen und geblieben
Maria ist keine klassische Logistikerin. Der Einstieg in die Logistik begann für sie nicht über eine klassische Ausbildung oder Laufbahn, sondern aus der unternehmerischen Praxis heraus. „Wir sind da ehrlicherweise so reingerutscht. Wir haben damals in unserem Onlineshop alles selbst gemacht.“
Als die Logistik im eigenen Mode-Startup zunehmend zum entscheidenden Erfolgsfaktor wurde, gründeten sie und ihr Mann Florian 2019 gezielt ein eigenes Logistikunternehmen. Aus den operativen Herausforderungen des E-Commerce entstand majamo fulfillment, heute ein Fulfillment-Unternehmen für Social-Commerce-Brands und D2C-Modelle. Maria verantwortet bei majamo insbesondere den operativen Aufbau, die Prozesslandschaft sowie die Skalierung der Fulfillment-Services: von Warehouse-Strukturen über Kundenprozesse bis hin zur Organisationsentwicklung.
Was klein begann, ist stark gewachsen. Über 12.000 Quadratmeter Lagerfläche, mehr als 100 Mitarbeitende und ein zweiter Standort mit rund 20.000 Quadratmetern sowie weiteren 160 Mitarbeitenden im Aufbau.
Ein modernes, wachsendes Logistikunternehmen. Zwei Gründer*innen mit geteilter Verantwortung. Und doch wird diese Gleichwertigkeit im Alltag oft nicht wahrgenommen.
Wenn Hierarchien unausgesprochen entstehen
Es ist eine Szene, die sich wiederholt. Geschäftstermin. Florian und Maria sind beide anwesend. Und trotzdem entsteht sofort eine Hierarchie, nicht durch Worte, sondern durch Blicke, Anrede und Aufmerksamkeit.
„Gerade weil Flo und ich als Duo auftreten, sieht man es manchmal noch ein bisschen doller. In manchen Bereichen wird automatisch mein Mann angesprochen und ich erst gar nicht, obwohl wir ja eigentlich beide im Boot sitzen.“

Was Maria beschreibt, ist kein persönliches Missverständnis. Es ist ein strukturelles Muster. In der Logistikbranche sind Macht, Kompetenz und Führung noch immer stark männlich geprägt.
„Ich würde sofort unterschreiben, dass die Branche immer noch sehr stark von Männern dominiert ist. Die Grundannahme ist, dass ein Logistikunternehmen geführt und gegründet werden muss von jemand Männlichem.“
Diese Annahme wirkt subtil und gleichzeitig extrem wirksam. Sie entscheidet darüber, wem man Kompetenz zutraut, wem man zuhört und wem Verantwortung zugeschrieben wird.
Abgestempelt, bevor man überhaupt anfangen kann
Besonders schwierig war der Einstieg in die Branche. Maria berichtet: „Der Eintritt ist sehr, sehr schwierig. Gerade als Gründerin. Am Anfang, wenn man kein Netzwerk und noch nichts vorzuweisen hat, wird man schnell in eine Schublade gesteckt.“ Die Zuschreibungen sind selten offen, aber deutlich spürbar. „Ja, doch, ich glaube, dass sie mir weniger zutrauen, weil ich eine Frau bin. Das ist einfach die Wahrheit“ sagt Maria nachdenklich.
Kompetenz wird nicht automatisch anerkannt. Sie muss sichtbar gemacht, verteidigt und aktiv platziert werden. Und selbst dann ist der Weg oft steiniger als für männliche Kollegen. Für Maria bedeutete das, fachlich besonders präzise zu sein, Entscheidungen klar zu vertreten und Verantwortung bewusst sichtbar zu übernehmen.
Sichtbarkeit ist kein Ego-Trip
Um in dieser Branche bestehen zu können, reicht Fachwissen allein nicht aus. „Ich musste mich in Gesprächen in den Vordergrund drängen. Das war manchmal unangenehm“, so Maria.
Sichtbarkeit bedeutet hier nicht Selbstdarstellung, sondern Selbstbehauptung. Nicht lauter im Sinne von aggressiver. Nicht härter im Sinne von unnahbarer. Sondern präsenter. Sie beschreibt: „Sobald man zeigt, dass man weiß, was man sagt und was man tut, wird es besser.“ Doch dieser Moment kommt häufig erst, wenn Frauen aktiv Raum einnehmen, einen Raum, der ihnen nicht automatisch zugestanden wird. „Wir müssen uns trauen, etwas zu sagen. Das fängt in den kleinsten Positionen an. Und dann müssen wir nach vorne gehen. Anders ist es schwer möglich.“
Gleichzeitig braucht es mehr Frauen, die bereits sichtbar sind. „Ich fände es toll, wenn mehr Frauen, die schon in der Branche sind, mehr nach außen treten. Sonst wird es super schwierig, gehört zu werden.“
Die Branche neu erzählen
Die Strukturen sind über Jahrzehnte gewachsen. Genauso wie das Bild der Logistik nach außen. Die Branche leidet nicht nur unter Fachkräftemangel, sondern auch unter einem massiven Imageproblem. Besonders bei jungen Frauen.
Dieses Bild ist verkürzt und wird der Realität längst nicht mehr gerecht. Moderne Logistik, insbesondere Fulfillment, ist weit mehr als Warenbewegung. Maria schwärmt: „Man ist Teil der Marken. Vom Onlineshop über Customer Support bis zur Retoure. Das sind ganz viele Punkte. Man ist nicht nur ein Warenbeweger.“
Wenn mehr Frauen für die Branche gewonnen werden sollen, braucht es bessere Geschichten, andere Vorbilder und eine neue Art, Logistik zu erzählen. Nicht nur nach innen, sondern vor allem nach außen.
Give to Gain: Wissen teilen, Zukunft gewinnen
Genau deshalb ist es so wichtig, Geschichten wie diese zu erzählen – sichtbar zu machen, welche Erfahrungen Frauen in der Branche machen, und besondere Karrierepfade aufzuzeigen. Genau das tun wir mit diesem Interview und im Rahmen der even Frauentagsserie. Das diesjährige Motto des International Women’s Day lautet „Give to Gain“. Für Maria ist das kein abstrakter Leitspruch, sondern ein sehr konkretes Werkzeug für Veränderung.
„Wenn ich damals jemanden an meiner Seite gehabt hätte, der mir Tipps gibt, das hätte mir geholfen. Wo muss ich hin? Was muss ich machen? Wie gehe ich mit Situationen um, in denen man abgestempelt wird?“ Genau deshalb beteiligt sich Maria an der even logistics “Give to Gain”-Aktion. Sie vergibt eine Mentoring-Session an eine Frau, die über den LinkedIn-Kanal von even logistics verlost wird.
“Give to Gain” heißt nicht, Frauen zu fördern, weil sie Frauen sind. Es heißt, Strukturen so zu verändern, dass Kompetenz sichtbar wird. Es heißt, Räume zu öffnen, statt Plätze zu verteilen und Potenziale zu nutzen, statt sie zu übersehen. Denn am Ende bleibt eine Frage, die größer ist als jede individuelle Erfahrung.
Die Frage ist nicht, ob Frauen in die Logistik passen.
Die Frage ist, wie lange sich die Logistik noch leisten kann, auf sie zu verzichten.