• People&Culture
  • Leadership

Warum Mitarbeitende nicht unmotiviert sind, sondern...

Lisa-Marie Karusseit

Was Employee Engagement Studien über Motivation, Führung und Arbeitsrealität zeigen.

In a nutshell: In vielen Unternehmen wird fehlendes Mitarbeiterengagement oder geringe Mitarbeitermotivation schnell als individuelles Problem interpretiert. Die internationale Forschung zu Employee Engagement, Mitarbeiterzufriedenheit und Mitarbeiterbindung zeigt jedoch seit Jahren ein anderes Bild: Die Mehrheit der Engagement-Unterschiede entsteht nicht durch individuelle Einstellung, sondern durch Führung, Arbeitsorganisation und erlebte Rahmenbedingungen im Arbeitsalltag.

Was Employee Engagement bedeutet und wodurch es entsteht

Unter Employee Engagement versteht man die emotionale und psychologische Bindung von Mitarbeitenden an ihre Arbeit, ihr Team und ihr Unternehmen. Es beschreibt, wie stark sich Menschen mit ihrer Tätigkeit identifizieren, wie sehr sie sich mit den Zielen ihrer Organisation verbunden fühlen und wie motiviert sie sind, im Arbeitsalltag über das Minimum hinaus beizutragen.

Studien von Gallup, McKinsey & Company und Deloitte zeigen konsistent, dass diese Bindung weniger durch individuelle Motivation entsteht, sondern stark durch Faktoren wie Führung, Klarheit, Sinn, Kommunikation und die tägliche Arbeitsrealität geprägt wird.

Employee Engagement ist kein Motivationsproblem 

Employee Engagement wird in vielen Organisationen noch immer als individuelle Frage verstanden: Wer engagiert ist, gilt als motiviert, wer es nicht ist, als wenig leistungsbereit. Die internationale Studienlage zeigt jedoch seit Jahren ein deutlich anderes Muster.

Gallup berichtet seit Jahren, dass weltweit nur etwa 20 bis 25 Prozent der Mitarbeitenden als aktiv engagiert gelten. Die große Mehrheit arbeitet zwar zuverlässig, fühlt sich jedoch emotional nur begrenzt mit ihrer Arbeit verbunden. Besonders auffällig ist dabei, dass die Unterschiede im Engagement weniger zwischen Ländern oder Branchen entstehen, sondern zwischen einzelnen Teams. Entscheidend ist nicht primär das Unternehmen, sondern das direkte Arbeitsumfeld und insbesondere die Qualität der Führung.

Warum Menschen kündigen oder innerlich aussteigen

Ein Blick auf die Ursachen von mangelndem Engagement findet sich in den Untersuchungen von McKinsey & Company zur sogenannten „Great Attrition“. Dort zeigt sich, dass Kündigungsentscheidungen häufig nicht aus Unzufriedenheit mit der eigentlichen Tätigkeit entstehen, sondern aus einer Kombination aus fehlender Wertschätzung, mangelndem Respekt im Arbeitsalltag und unzureichender Flexibilität.

Ein zentraler Befund dieser Studien ist, dass viele Mitarbeitende sich nicht primär wegen ihres Jobs distanzieren, sondern wegen der Art und Weise, wie sie im Job behandelt werden. Das betrifft insbesondere die Beziehung zur direkten Führungskraft, die Klarheit von Erwartungen und die erlebte Fairness im Arbeitsumfeld.

Sinn, Entwicklung und Autonomie als Treiber von Engagement

Auch die Human Capital Trends von Deloitte zeigen ein konsistentes Bild moderner Arbeitsrealität. Mitarbeitende sind dann besonders engagiert, wenn sie ihre Arbeit als sinnvoll erleben, wenn sie Entwicklungsmöglichkeiten sehen und wenn sie über echte Handlungsspielräume verfügen.

Dabei verändert sich zunehmend auch das Verständnis von Rollen in Organisationen. Starre Jobprofile verlieren an Bedeutung, während flexible, kompetenzbasierte Arbeitsmodelle an Relevanz gewinnen. Engagement entsteht durch die Möglichkeit, Wirkung zu erleben und sich weiterzuentwickeln.

Digitale Überlastung als unterschätzter Engagement-Killer

Ein weiterer wichtiger Faktor wird in den Studien des Microsoft Work Trend Index beschrieben. Die Ergebnisse zeigen, dass die zunehmende Digitalisierung der Arbeit nicht automatisch zu höherer Effizienz führt, sondern häufig zu einer Fragmentierung des Arbeitsalltags.

Viele Mitarbeitende erleben eine steigende Anzahl an Meetings, Nachrichten und parallelen Kommunikationskanälen. Diese permanente Unterbrechung führt zu sogenannter „digitaler Überlastung“, die sich direkt auf Konzentration, Energie und langfristig auch auf Engagement auswirkt.

Das Problem liegt dabei weniger in der Menge der Arbeit selbst, sondern in der Art, wie Arbeit organisiert und kommuniziert wird. Fehlender Fokus im Arbeitsalltag wirkt sich unmittelbar auf die Qualität der Arbeitserfahrung aus und damit indirekt auf die emotionale Bindung an die Organisation.

Anerkennung, Kommunikation und Arbeitslast

Ergänzend zeigen HR-nahe Studien von SHRM sowie Workforce-Analysen von ADP, dass klassische „weiche Faktoren“ im Arbeitsalltag eine deutlich größere Rolle spielen, als oft angenommen wird.

Dazu gehören insbesondere regelmäßige und konkrete Anerkennung von Leistung, klare und konsistente Kommunikation sowie eine realistisch gestaltete Arbeitslast. Mitarbeitende, die sich gesehen fühlen, klare Erwartungen haben und nicht dauerhaft unter struktureller Überlastung arbeiten, zeigen signifikant höhere Engagement-Werte.

Auffällig ist dabei, dass viele dieser Faktoren nicht durch einzelne Programme verbessert werden, sondern durch konsequente Führungs- und Organisationsentscheidungen im Alltag.

Die zentrale Erkenntnis aus allen Studien

Wenn man die Ergebnisse der Studien zu Employee Engagement zusammenführt, ergibt sich ein sehr konsistentes Gesamtbild. Mitarbeitende sind in den seltensten Fällen grundsätzlich unmotiviert. Viel häufiger entsteht geringes Engagement durch ein Zusammenspiel aus unklarer Führung, fehlender Struktur, geringer emotionaler Einbindung und anhaltender Überlastung im Arbeitsalltag.

Zugespitzt lässt sich die zentrale Erkenntnis daher so formulieren: Nicht die Menschen sind das Problem, sondern die Bedingungen, unter denen sie arbeiten.

Was Unternehmen daraus ableiten können

Für Organisationen bedeutet diese Erkenntnis einen grundlegenden Perspektivwechsel. Wenn Engagement nicht primär eine Frage individueller Motivation ist, sondern stark durch Rahmenbedingungen geprägt wird, verschiebt sich der Hebel weg von einzelnen Mitarbeitenden hin zur Gestaltung von Arbeit selbst.

Gerade in stark operativen Branchen wie der Logistik zeigt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich. Hier entscheidet weniger das abstrakte Kulturverständnis eines Unternehmens über Engagement, sondern die konkrete Erfahrung im täglichen Arbeiten: Wie klar sind Prioritäten? Wie gut ist Führung erreichbar? Wie sichtbar ist der eigene Beitrag zum Gesamtergebnis?

Die internationale Forschung ist sich in einem Punkt weitgehend einig: Engagement lässt sich nicht „motivieren“, sondern nur ermöglichen. Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen kurzfristigen Maßnahmen und nachhaltiger Organisationsentwicklung.

 

Quellenübersicht (Studien & Reports)

Gallup – State of the Global Workplace

https://www.gallup.com/workplace/349484/state-of-the-global-workplace.aspx

McKinsey & Company – Great Attrition / Great Attraction

https://www.mckinsey.com/capabilities/people-and-organizational-performance/our-insights/great-attrition-or-great-attraction-the-choice-is-yours

Deloitte – Human Capital Trends

https://www.deloitte.com/de/de/services/consulting/research/human-capital-trends-deutschland.html

Microsoft – Work Trend Index 2026

https://www.microsoft.com/en-us/worklab/work-trend-index/agents-human-agency-and-the-opportunity-for-every-organization

SHRM – Employee Engagement & Workplace Studies

https://www.shrm.org/topics-tools/research

ADP Research Institute – People at Work: A Global Workforce View

https://de.adp.com/ressourcen/insights/people-at-work.aspx

Autor*in

Lisa-Marie Karusseit

Lisa ist seit mehreren Jahren als Personal- und Kommunikationsexpertin in den Bereichen E-Commerce und Logistik tätig. Bei even logistics teilt sie ihre umfangreichen Erfahrungen, führt Gespräche mit Expert*innen und zeigt auf, wie starke People & Culture-Strategien den nachhaltigen Erfolg von Logistikunternehmen fördern. Jenseits des beruflichen Alltags tobt sich Lisa mit abstrakter Kunst kreativ und auf dem Surfbrett sportlich aus.


241209 even blog beitragsbild 4 1
People&Culture Leadership

Warum Mitarbeitende nicht unmotiviert sind, sondern...

Was Employee Engagement Studien über Motivation, Führung und Arbeitsrealität zeigen.

Bildschirmfoto 2026 06 24 um 14 14 13
Transport ▶️ On-demand

Cross-Border-Fulfillment richtig aufsetzen – Antworten aus dem even Webevent mit Active Ants

Über den richtigen Zeitpunkt für die Internationalisierung, Outsourcing-Entscheidungen und automatisiertes Multi-Warehouse-Fulfillment.

Bildschirmfoto 2026 06 23 um 19 30 58
Transport ▶️ On-demand

Internationalen Versand richtig aufsetzen – Antworten aus dem even Webevent mit shipcloud

Über Carrier-Strategien, lokale Last-Mile und die technische Komplexität im Cross-Border-Paketversand.

Banner Bergzeit
Aktuelles Lagertreff

E-Commerce-Logistik im Shuttlelager: Lagertreff bei Bergzeit

Über vollautomatisierte Lagerprozesse live im Betrieb – am 21. Juli in Otterfing. Jetzt anmelden.

Lagertreff Loewe Banner
Lagertreff Aktuelles

Fulfillment in der Praxis: Lagertreff bei LOEWE Logistics & Care

Über B2B- und B2C-Fulfillment live im Betrieb – am 15. September in Herford. Jetzt anmelden.

Atbxad
People&Culture Aktuelles

Entgelttransparenz in der Logistik: Was jetzt auf Fuhrpark und Lager zukommt

Über die neue EU-Richtlinie, ihre konkreten Auswirkungen auf Logistikbetriebe und warum Abwarten das teuerste Modell ist.

Bildschirmfoto 2026 05 21 um 11 39 15
▶️ On-demand Automatisierung

Shuttle-Lagersysteme richtig planen – Antworten aus dem even Webevent mit RocketSolution

Shuttle-Lager werden oft nach Bauchgefühl geplant, dabei sind es konkrete Kennzahlen, die über Erfolg oder Fehlkalkulation entscheiden.

Bildschirmfoto 2026 05 21 um 15 42 19
▶️ On-demand Automatisierung

Ugly Goods automatisiert lagern – Antworten aus dem even Webevent mit advasolutions

Was Ugly Goods sind, warum klassische Systeme hier an ihre Grenzen stoßen und wie ladungsträgerfreie Lagerung in der Praxis funktioniert.

PNG Bild
Lagerung Interview Fulfillment

„Ich baue das größte Logistikimperium Deutschlands“

Wie ein junger Gründer die Logistik neu denkt - mit Leon Michel, CEO von fly fulfillment GmbH.

Bildschirmfoto 2026 05 19 um 13 05 15
Automatisierung ▶️ On-demand

So planst du ein AutoStore-System – Antworten aus dem even Webevent mit AutoStore

Vom ersten Kennzahlen bis zum fertigen Grid-Design: Wie aus Anforderungen ein Lagersystem wird.

Porträts FINAL Timo 006 1
Nachhaltigkeit Automatisierung

Das unterschätzte Klimaproblem im Lager

Über Nachhaltigkeit in automatisierten Kleinteilelagern. Ein Interview mit Timo Landener zu Energie, Dichte und CO₂ in der Intralogistik.

Combined clean
Interview Wissen

Was Unternehmen bei Verträgen zur Systemintegration beachten müssen

Mit Dr. Maximilian Dorndorf und István Fancsik, LL.M. (London) von der Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH.