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Unternehmertum zwischen Champagner und Panikattacken

Lisa-Marie Karusseit

Die unzensierte Wahrheit über den Aufbau eines Logistikunternehmens - mit Joshua Balczerowski, Mitgründer und CEO von Comgistics GmbH.

In a nutshell: Auf LinkedIn wirkt Unternehmertum oft wie eine Aneinanderreihung von Erfolgen. Neue Standorte, große Kunden, Wachstum und perfekt inszenierte Bilder prägen das Bild vieler Gründer*innen. Doch was passiert, wenn Rechnungen nicht bezahlt werden können, Inkassoschreiben eintreffen oder die Verantwortung für sechsstellige Fixkosten jede Nacht mit am Tisch sitzt? Joshua Balczerowski, Mitgründer und CEO von Comgistics GmbH, spricht ungewöhnlich offen über genau diese Momente. Über Panikattacken, Existenzängste, Freundschaften und darüber, warum Erfolg auch Einfluss auf das Privatleben hat. Ein Gespräch über die emotionale Realität des Unternehmertums und die Frage, warum mehr Ehrlichkeit einer ganzen Branche guttun würde.

Mehr Schein als Sein auf Social Media

Die Logistikbranche gilt traditionell als extrem konservativ und ist laut Joshua stark von klassischen "Schlipsträgern" geprägt. Gleichzeitig flutet eine neue Generation von Akteuren den Markt, die auf sozialen Plattformen ein Leben im absoluten Überfluss zelebriert. Joshua beobachtet diese Entwicklung mit großer Skepsis. „Diese Social Media Welt ist ja völlig versaut, erst recht in der E-Commerce Branche“, stellt Joshua unverblümt fest. Viele Protagonisten der Szene würden sich darstellen, als seien sie unangreifbar. „Sobald du eine Rolex hast und einen Porsche fährst, bist du der Größte, egal ob du am Ende des Monats Struggle hast, deine Miete zu bezahlen“, kritisiert er diese Oberflächlichkeit.

Für ihn steht fest, dass dieses digitale Bild schlichtweg eine Illusion ist. „Das ist mehr Schein als Sein, weil ich kenne die Jungs und Mädels größtenteils auch persönlich“, verrät der Unternehmer. Für ihn selbst kommt diese künstliche Inszenierung nicht infrage. „Ich versuche einfach, so echt zu sein, wie es nur möglich ist, damit die Leute uns vertrauen“, erklärt er seinen Ansatz. Denn am Ende des Tages kaufen Menschen von Menschen. Wenn ein authentischer Einblick gewährt wird, entsteht genau die Sympathie, die im Vertrieb letztlich entscheidend ist.

Blut, Schweiß und sechsstellige Fixkosten

Hinter den Kulissen seines mitgegründeten Unternehmens existiert keine glänzende Scheinwelt. Der Aufbau einer Firma verlangt enorme persönliche Opfer und eine gewaltige finanzielle Last. „Der echte Joshua sieht so aus, dass er sich 2021 selbstständig gemacht hat und seitdem blutet“, beschreibt er seine anfänglichen Jahre extrem offen. Der Arbeitsalltag kenne kaum Pausen, da er förmlich von morgens bis abends arbeite und versuche mit seinem Co-Gründer, die Firma hochzuziehen. „Wir sind keine kleine Agentur, die nur ihre Mitarbeitenden absichern muss“, macht er die Dimensionen deutlich. „Wir haben hier fünfeinhalbtausend Quadratmeter und sechsstellige Fixkosten im Monat, die wir covern müssen, ohne überhaupt einen Cent verdient zu haben“, rechnet Joshua vor.

Besonders die Phase des wirtschaftlichen Einbruchs in Deutschland stellte das Unternehmen vor Herausforderungen. Die Auftragslage wurde angespannter, finanzielle Entscheidungen mussten mit deutlich mehr Bedacht getroffen werden und gleichzeitig blieb die Verantwortung für das Team bestehen. „Da sind Blut und Tränen geflossen und da musste man gucken, dass man am Anfang des Monats die Miete bezahlt und am Ende die Mitarbeitenden“, erinnert sich Joshua an diese Zeit.

Die wirtschaftliche Unsicherheit ging dabei nicht spurlos an ihm vorbei. Gerade als Unternehmer, der für ein wachsendes Team und das Fortbestehen der Firma Verantwortung trägt, kann der Druck schnell sehr persönlich werden. „Da kommen die Panikattacken, der Schlaf bleibt aus und jeder Morgen wird zur Belastung. Du fragst dich, wie du zur Arbeit fahren sollst, weil du weißt: Sobald du den Laptop öffnest, wartet schon die nächste Überraschung auf dich“, schildert Joshua rückblickend, wie belastend sich diese Phase für ihn angefühlt hat.

Joshua nahm diese Zeit innerlich manchmal fast wie zwei verschiedene Welten wahr. Auf der einen Seite die Momente, in denen man gemeinsam Erfolge feiert und alles läuft in die richtige Richtung: „2023 hatten wir ein richtig geiles Geschäftsjahr, da sind wir an die Alster gegangen und haben Champagnerflaschen geknallt“, blickt er zurück.

Und dann gibt es die andere Seite des Unternehmertums: Monate, in denen die Auftragslage angespannter ist, Entscheidungen schwerer wiegen und die Verantwortung deutlich spürbarer wird. „Ein Jahr später überlegst du dir, ob du zu Lidl fährst und dir eine Cola Zero kaufst“, beschreibt Joshua das Gedankenkarussel. Natürlich ist die Realität nicht so schwarz-weiß – zwischen Champagner und Cola Zero liegen viele Zwischentöne. Aber gerade diese Ausschläge machen für ihn einen Teil der unternehmerischen Achterbahnfahrt aus. Was heute noch nach Erfolg und Aufbruch aussieht, kann sich wenige Monate später schon wieder wie eine neue Herausforderung anfühlen.

Am Ende des Tages blickt Joshua heute mit Stolz auf diese Achterbahnfahrt zurück. Denn sie gehört für ihn untrennbar zur Geschichte von Comgistics: „Wir haben Comgistics in kürzester Zeit großgezogen, die alte Logistikwelt digitalisiert und mit KI-Lösungen transparenter gemacht. Mit diesen effizienten und digitalen Prozessen liegt die Zukunft vor uns. Jeder Schritt hat sich gelohnt – auch die Cola-Zero-Zeiten.“

Der harte Cut im privaten Umfeld

Joshua wehrt sich vehement dagegen, als bloßer Selbstständiger bezeichnet zu werden. „Ich habe mich nicht für die Selbstständigkeit entschieden, ich habe mich für das Unternehmertum entschieden“, stellt er klar. Während Selbstständige laut seiner Definition permanent arbeiten müssen, um Geld zu verdienen, bauen Unternehmer*innen skalierbare Systeme auf. Für ihn ist völlig sicher, dass dieser Weg untrennbar mit Schmerz verbunden ist. „Jeder Unternehmer, der sagt, er hat noch nie geblutet, der erzählt mir nicht die Wahrheit“, urteilt Joshua hart über Schönfärberei in der Szene. 

Diese kompromisslose Einstellung forderte jedoch einen hohen Tribut in seinem Privatleben. Als er anfing, sein Geschäft aufzubauen, wandten sich alte Weggefährt*innen von ihm ab. „Viele dachten: Joshua ist jetzt was Besseres als wir, der macht jetzt das große Geld in Hamburg“, beschreibt er die Vorurteile seines damaligen Umfelds. Daraufhin vollzog er einen einschneidenden Schritt. „Ich habe einen ganz krassen Cut in meinem Freundeskreis gemacht“, gesteht er. Heute umgibt er sich fast ausschließlich mit anderen Personen aus der Gründerszene, weil diese das Leben mit all seinem Druck einfach besser verstehen. Diese Verbundenheit geht außergewöhnlich tief. „Für diese Leute würde ich in den Tod springen“, betont Joshua den Zusammenhalt. Das gegenseitige Vertrauen sei grenzenlos. „Wenn ich fragen würde, ob mir jemand dreißigtausend Euro schicken kann, hätte ich das Geld innerhalb von zwei Sekunden auf dem Konto“, veranschaulicht er den starken Rückhalt.

Extreme Rituale für maximale Performance

Um diesen gewaltigen Druck und die ständige Erreichbarkeit zu überstehen, hat Joshua eiserne Routinen entwickelt. Sportliche Betätigung ist für ihn kein bloßes Hobby, sondern ein absolutes Überlebenswerkzeug für die mentale Gesundheit. „Ich muss mich morgens oder abends auspowern, egal ob im Fitnessstudio, auf dem Golfplatz oder dem Tennisplatz, damit ich den Kopf frei habe“, erklärt der Unternehmer. Besonders bestimmte Sportarten zwingen ihn zu einer dringend benötigten digitalen Auszeit. „Auf dem Golfplatz oder dem Tennisplatz kann ich kein Handy dabeihaben“, nennt er als einen wesentlichen Vorteil dieser Aktivitäten.

Zusätzlich eliminiert er konsequent jeden privaten Stressfaktor. „Ich koche zum Beispiel nie, ich gehe jeden Tag essen oder hole mir etwas, weil mich das Einkaufen und Kochen zusätzlich zu meinem Job belasten würde“, gibt er unumwunden zu. Auch private Verpflichtungen siebt er radikal aus. „Alles, was private Belastung ist oder Events, auf die ich keinen Bock habe, sage ich einfach konsequent ab“, stellt er seine klaren Prioritäten dar.

Diese freigewordene Energie fließt zu hundert Prozent in seine berufliche Performance. Die ständige Bereitschaft ist dabei absolute Pflicht. „Wenn mich einer meiner Leute um sechs Uhr morgens oder um elf Uhr abends anruft, dann ist Performance gefragt, egal ob ich im Restaurant sitze oder auf der Couch“, beschreibt er die Erwartungshaltung an sich selbst. Aufgeben oder an der eigenen Geschäftsidee zweifeln ist für ihn völlig ausgeschlossen, da er fest an seine Fähigkeiten glaubt. „Wenn ich etwas nicht kann, dann eigne ich es mir an und lerne daraus“, beschreibt er sein pragmatisches Vorgehen. Rückschläge nimmt er dabei erstaunlich gelassen hin. „Ich habe heute um kurz vor acht eine Klage über knapp vierhundert Euro bekommen, weil sich jemand von meiner E-Mail blöd angemacht gefühlt hat“, lacht Joshua über die Absurditäten des Alltags. „Die bezahle ich jetzt gleich und daraus lerne ich.“

Fazit: Das Unternehmertum ist kein Hobby

Joshuas Geschichte ist ein weckender Gegenentwurf zur weichgezeichneten Startup Romantik der sozialen Medien. Wer ein echtes Wirtschaftsimperium aufbauen will, muss bereit sein, durch Tiefen zu gehen und persönliche Opfer zu bringen. Es erfordert eine gewaltige Resilienz und die Bereitschaft, kontinuierlich aus Fehlern zu wachsen. Das Unternehmertum ist zweifellos ein brutaler Weg, der eine Person an die psychischen und physischen Grenzen treiben kann. Doch für Menschen mit dem passenden mentalen Rüstzeug bleibt es die wohl größte und lohnendste Herausforderung überhaupt.

Autor*in

Lisa-Marie Karusseit

Lisa ist seit mehreren Jahren als Personal- und Kommunikationsexpertin in den Bereichen E-Commerce und Logistik tätig. Bei even logistics teilt sie ihre umfangreichen Erfahrungen, führt Gespräche mit Expert*innen und zeigt auf, wie starke People & Culture-Strategien den nachhaltigen Erfolg von Logistikunternehmen fördern. Jenseits des beruflichen Alltags tobt sich Lisa mit abstrakter Kunst kreativ und auf dem Surfbrett sportlich aus.


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