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Das Diensthandy bleibt aus
Wie Liane Menschlichkeit und Resilienz in der Pharma-Logistik vorlebt.
In a nutshell: Die Logistikbranche schläft nie. Wer hier Führungsverantwortung übernimmt, bewegt sich oft im Spannungsfeld von permanenter Erreichbarkeit und hohem operativen Druck. Doch die Ansprüche an moderne Führung verändern sich rasant. Immer mehr rückt die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden und der Führungskräfte selbst in den Fokus. Wie dieser Balanceakt gelingt, zeigt Liane Stöckeler, Niederlassungsleiterin im Bereich der temperaturgeführten Pharma-Logistik bei trans-o-flex in Dettingen. Im Gespräch teilt sie ihre Erfahrungen über die Notwendigkeit klarer Grenzen, einen nahbaren Führungsstil auf Augenhöhe und das Prinzip, dass Respekt niemals durch einen Titel entsteht.
Die Notwendigkeit von Grenzen
Lianes heutige Resilienz ist das Fundament ihrer täglichen Arbeit. Vor allem Phasen hoher Belastung, wie der Aufbau eines neuen Standorts in ihrem damaligen Job, haben sie geprägt. „Nach einem großen Neubau mitten in der Pandemie war es einfach ein permanenter 24/7-Einsatz“, erinnert sich Liane. Die körperlichen Grenzen wurden dabei schmerzhaft spürbar. „Irgendwann signalisiert der Körper, dass die Luft raus ist, und an dem Punkt geht dann einfach nichts mehr“, beschreibt die heutige Niederlassungsleiterin die Belastungsgrenze ehrlich.
Aus dieser intensiven Zeit hat sie eine wesentliche Lehre für sich und ihre heutige Führungsaufgabe gezogen. Sie wolle sich selbst nicht mehr für den Beruf aufopfern. „Ich werde nicht mehr rund um die Uhr arbeiten, weil das Privatleben zu kurz kommt, wenn man nur noch für den Job lebt“, betont Liane. Sie blickt reflektiert zurück: „Das habe ich in der Vergangenheit erlebt, aber das möchte ich heute nicht mehr.“ Stattdessen setzt sie heute klare Prioritäten im Tagesgeschäft. „Man muss auch mal den Mut haben zu sagen, dass etwas heute nicht mehr erledigt und stattdessen morgen gemacht wird“, sagt Liane bestimmt.
Dieses bewusste Setzen von Grenzen lebt sie auch an schwierigen Tagen vor. Anstatt Stress in das Team zu tragen, wählt sie Professionalität. „Wenn ich merke, dass ich einen schlechten Tag habe, klappe ich lieber den Laptop zu und arbeite von zu Hause, um für mich zu sein“, erklärt Liane. Auf diese Weise schützt sie ihr Umfeld vor unbedachten Reaktionen. „Es ist mir wichtig, den Stress nicht an jemandem auszulassen, der es nicht verdient hat“, führt die Niederlassungsleiterin aus. Sollte es dennoch einmal zu Spannungen kommen, setzt sie auf Offenheit. „Gleichzeitig bin ich mir als Führungskraft nicht zu schade, mich im Nachhinein für eine falsche Reaktion zu entschuldigen“, fügt sie hinzu.
Das Diensthandy bleibt aus
Besonders geprägt hat Liane in ihrer Laufbahn das Vorbild einer früheren Vorgesetzten. In einer Branche, in der ständige Erreichbarkeit oft als Standard gilt, setzte diese ein klares Zeichen für echten Erholungsurlaub. „Meine damalige Vorgesetzte hat mir eine wichtige Lektion erteilt, denn im Urlaub bleibt das Geschäftshandy weg“, berichtet Liane. Ein funktionierendes System müsse auch ohne die Führungskraft stabil bleiben. „Der Betrieb muss zwei Wochen lang ohne dich laufen, damit du danach wieder die Kraft hast, voll da zu sein“, erinnert sich die Niederlassungsleiterin an die Worte ihrer Mentorin.
Heute gibt Liane diesen Schutzraum aktiv an ihr eigenes Team in Dettingen weiter. Sie fordert ihre Mitarbeitenden explizit zum Abschalten auf und scheut sich nicht, in Spitzenzeiten selbst operativ zu unterstützen. „Da wissen die Mitarbeitenden, dass sie für mich vorgehen“, sagt Liane. Bei Bedarf packt sie ohne zu zögern selbst mit an. „Ich übernehme im Notfall selbst Aufgaben oder unterstütze, damit es für das Team nicht zu viel wird“, beschreibt die Führungskraft ihr tägliches Handeln. Ihr wichtigstes Ziel ist es, Überlastungen durch eine strukturierte Aufgabenverteilung nachhaltig zu verhindern.
Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich den Respekt nicht über einen formellen Titel holt, sondern dass man das im täglichen Handeln praktiziert.
Führung durch Taten, nicht durch Titel
Lianes Fokus auf die mentale Gesundheit des Teams spiegelt sich in ihrer gesamten Führungsphilosophie wider. Sie setzt auf ein partnerschaftliches Miteinander und gegenseitige Wertschätzung, bei dem formelle Hierarchien eine untergeordnete Rolle spielen. „Ich behandle meine Mitarbeitenden so, wie ich selbst von Vorgesetzten behandelt werden möchte, nämlich mit echtem Respekt“, betont die Niederlassungsleiterin. Autorität definiert sich für sie nicht über die Position im Organigramm. „Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich den Respekt nicht über einen formellen Titel holt, sondern dass man das im täglichen Handeln praktiziert“, sagt Liane.
Dieser Führungsstil bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich, da Vertrauen und Nahbarkeit klare Absprachen erfordern. „Desto trauriger ist es, dass manche Mitarbeitende nicht damit umgehen können, wenn man offener agiert und nicht immer nur die Peitsche auspackt“, stellt Liane fest. Wenn Vorschriften oder Deadlines ignoriert werden, fordert sie diese konsequent ein. „Manchmal muss ich feststellen, dass das Gesagte nicht ganz für voll genommen wird, was mich persönlich sehr ärgert“, gesteht die Niederlassungsleiterin. Das sei jedoch kein Grund, der gesamten Belegschaft mit Misstrauen zu begegnen. Das Team in Dettingen schätze klare Leitplanken und Strukturen sehr. Aktuell arbeitet sie intensiv am Aufbau einer transparenten Vertretungsmatrix und der strategischen Neueinstellung von Personal. „Es ist mir einfach wichtig, dass die Mitarbeitenden normale Arbeitszeiten haben und entlastet werden“, fügt sie hinzu.
Von der Entbindungsstation in die Transportabteilung
Dass Liane heute so pragmatisch und nahbar agiert, liegt auch an ihrem unkonventionellen Lebenslauf. Ursprünglich wollte sie Hebamme werden, arbeitete auf einer Entbindungsstation und absolvierte schließlich eine kaufmännische Ausbildung. Ihr Einstieg in die Logistikwelt im Jahr 2003 war ein Sprung ins kalte Wasser, besonders in einer damals noch stark männerdominierten Umgebung. „Als ich 2003 angefangen habe, spielte das Thema Geschlecht durchaus noch eine Rolle, denn mein Chef wollte mich ganz bewusst in der Transportabteilung einstellen“, erinnert sich Liane. Die Erwartungshaltung an sie war von Beginn an spezifisch. „Er war der Überzeugung, dass die Fahrer einer Frau gegenüber weniger schroff auftreten und eher kompromissbereit sind“, fügt die Niederlassungsleiterin hinzu.
In dieser Position musste sie sich erst einmal behaupten und Vorurteile abbauen. „Es gab durchaus Zustellende, die sich von einer Frau anfangs gleich gar nichts sagen lassen wollten, aber das hat sich im Laufe der Zeit erfreulicherweise völlig gewandelt“, berichtet sie über die Anfänge. Trotz der anfänglichen Hürden fand sie schnell ihre Berufung in der Branche. „Mir hat die Kombination aus dem direkten Kontakt zu den Menschen, der Schichtarbeit und den Verwaltungsaufgaben von Anfang an großen Spaß gemacht“, sagt Liane rückblickend.
Unsichtbare Verantwortung in der Pharma-Logistik
Heute trägt Liane die Verantwortung für ein hochsensibles Geschäftsfeld. In Dettingen koordiniert sie neben dem Kernteam im Umschlag 46 Fahrer*innen im Nahverkehr und 12 im LKW-Bereich. Da trans-o-flex im Pharmabereich auf den nachweislich temperierten Transport zwischen 15 und 25 Grad spezialisiert ist, trägt das gesamte Team eine unsichtbare, aber existenzielle Verantwortung für die Gesundheit von Patient*innen. Um diese Verantwortung zu verdeutlichen, wählt Liane eine anschauliche Metapher. „Im Gegensatz zu einer Banane sieht man einem Medikament eine schadhafte Unterbrechung der Kühlkette optisch nicht an“, erklärt Liane. Die Qualitätssicherung basiert daher zu einhundert Prozent auf dem pflichtbewussten Handeln aller Beteiligten. „Bei Medikamenten sieht man einfach nicht, ob sie noch gut sind, weshalb man sich bedingungslos darauf verlassen muss, dass die Temperatur eingehalten wird“, beschreibt die Expertin das operative Risiko.
Weil diese Qualität so entscheidend ist, schaut Liane bei Neueinstellungen nicht nur auf die Qualifikationen auf dem Papier. „Mir ist es bei Neueinstellungen immer ganz wichtig, den Faktor Mensch mit einzubeziehen und nicht nur nach Qualifikationen zu gehen“, sagt Liane. Fachliches Wissen lasse sich vermitteln, der Charakter eines Menschen hingegen kaum. „Wenn jemand zwar die perfekte Ausbildung hat, aber menschlich überhaupt nicht zum Rest des Teams passt, gibt das am Ende nur Ärger“, weiß die Führungskraft aus Erfahrung. Daher wählt sie einen ganzheitlichen Auswahlprozess. „In solchen Fällen entscheide ich mich im Zweifel lieber für die Person, die das Team harmonisch ergänzt, selbst wenn sie im ersten Moment etwas weniger qualifiziert erscheint“, erklärt sie abschließend.
Mit Herz, Haltung und Verantwortung führen
Liane beweist eindrucksvoll, dass moderner Führungserfolg in der Logistik einen neuen Kompass benötigt. Wahre Führungsstärke zeigt sich nicht in permanenter Selbstaufopferung, sondern in der Fähigkeit, empathisch auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden einzugehen, gesunde Grenzen zu setzen und ein Umfeld zu schaffen, in dem Respekt durch Taten statt durch Titel wächst. Ein starkes Signal für eine zukunftsfähige und menschliche Logistikbranche.