• Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit und Logistik - Von der Circular Economy und der Resilienz

Timo Landener

Blogpost 2 von 2: Wer Dinge im Kreis führt, kommt besser durch Krisen als jemand, der ständig auf Nachschub hofft.

In a nutshell: Junge, Junge. Was war das für ein Auftakt im ersten Teil des Resilienz-Blogposts. Ein wilder Ritt auf dem philosophischen Gaul. Für diejenigen, die es bis hierhin geschafft haben: Chapeau! Und gleichzeitig das Versprechen, dass es ein Mü pragmatischer und greifbarer wird. Wobei. Na ja, ganz so pragmatisch kann es beim Thema Resilienz nicht werden. Allein die Circular Economy als solches mit all ihren Facetten, Use Cases und Opportunities stellt Unternehmen vor schwierigen Fragen und wie wir sehen werden, ist neben Absichts-Bekundungen auf großer Ebene kaum was Handhabbares umgesetzt. Wenngleich, ganz so defätistisch ist die Situation auch wieder nicht.

Wie in der Natur entsteht Resilienz auch in der Circular Economy nicht durch maximale Effizienz einzelner Elemente, sondern durch gut gestaltete Kreisläufe, Diversität und die Fähigkeit, sich kontinuierlich zu erneuern. Ich werde versuchen diese Brücke zu bauen und aufzuzeigen, wie die Circular Economy zu mehr Resilienz führt und warum es sich auf lange Sicht lohnt, zirkulär zu denken und zu handeln.

Disclaimer und Tipp: Da der Begriff „resilient“ häufig für ganz unterschiedliche Eigenschaften verwendet wird, habe ich mich entschieden, den Blogpost in zwei Teile zu gliedern:

  1. Grundlagen: Erklärungen, Definitionen und Abgrenzungen
  2. Die Circular Economy als Resilienzstrategie

Im ersten Teil ging es einerseits darum, warum Resilienz in wirtschaftlichen Systemen, Lieferketten und Organisationen überhaupt eine so zentrale Rolle spielt respektive spielen wird und andererseits, wie sich der Begriff von artverwandten Themen wie Antifragilität und Robustheit abgrenzt, und in welcher Beziehung die Resilienz zur Effizienz steht. [1] Im vorliegenden zweiten Teil wird es nun konkreter: Dort zeige ich, wie die Circular Economy nicht nur ökologische und ökonomische Vorteile bietet, sondern ganz praktisch als Resilienzstrategie wirkt – und warum zirkuläre Wertschöpfung ein entscheidender Hebel für widerstandsfähigere Systeme in unsicheren Zeiten ist.

Wer sich nochmal schlau machen möchte bzgl. der Circular Economy, dem lege ich meine bisherigen Blogposteinträge ans Herz:

Das größte resiliente System ist die Natur selbst. Sie und die ihr zugrunde liegenden Ökosysteme sind der Inbegriff von Resilienz. Ökosysteme funktionieren nach klaren Prinzipien, die der Logik der Circular Economy erstaunlich nahekommen. Die Natur dient demnach der Circular Economy nicht nur als Inspirationsquelle, sondern als konkretes Vorbild für dessen Gestaltung. Biomimicry auf Systemebene sozusagen. Schauen wir uns das mal näher an.

Übrigens: Biomimicry (oder Biomimetik) ist eine Innovationsmethode, die von der Natur lernt und ihre Strategien nachahmt, um menschliche Probleme in Technik, Design und Organisation nachhaltig zu lösen, indem sie sich Prinzipien und Lösungen von Organismen und Ökosystemen abschaut, die sich über Jahrmillionen bewährt haben. Es geht darum, nicht nur die Natur zu kopieren, sondern ein tiefes Verständnis dafür zu entwickeln, wie das Leben funktioniert, um Produkte, Prozesse und Systeme zu schaffen, die mit der Erde im Einklang stehen (Beispiel: der Lotusblüteneffekt bei selbstreinigenden Oberflächen).

Ökosysteme – Die Natur als Vorbild

Das Verhalten ökologischer Systeme lässt sich durch zwei unterschiedliche Eigenschaften definieren: Resilienz und Stabilität. Aber wie macht die Natur das?

Ökosysteme in der Natur sind Meister der Kreisläufe. Jedes Element, vom kleinsten Mikroorganismus bis zum größten Raubtier, ist Teil eines komplexen Netzwerks, das Ressourcen effizient nutzt, Abfälle minimiert und das System insgesamt stabil hält. Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroben interagieren in Nahrungsketten, Stoffkreisläufen und symbiotischen Beziehungen – und sorgen so dafür, dass das Ökosystem widerstandsfähig gegenüber Störungen bleibt.

Ein Ökosystem im Gleichgewicht am Beispiel Alaskas:

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf [5]

Die oben dargestellten Wechselbeziehungen stärken und erhalten die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems, indem sie das Netzwerk buchstäblich nähren. Doch diese positive Kettenreaktion kann auch in die andere Richtung werden. In Gebieten, in denen bspw. Wölfe ausgerottet wurden, zerfallen ganze Ökosysteme: Wälder sterben ab, Böden erodieren, Flüsse versanden, und Adler und Bären verschwinden. Denn: Ökosysteme sind komplexe Netzwerke. Sie können unter Stress enorm resilient sein, aber wenn bestimmte zentrale Knoten zu versagen beginnen, laufen Kettenreaktionen durch das Netz des Lebens, welches die Stabilität des Systems gefährdet. 

In ausgereiften Ökosystemen wird also die Gesundheit des gesamten Systems durch symbiotische Beziehungen zwischen den verschiedenen Arten optimiert. Nährstoff-, Informations- und Energiekreisläufe schaffen vielfältige Verbindungen im gesamten System, sodass die Stoffwechselprodukte eines Organismus zur Nahrung eines anderen werden und Rückkopplungsschleifen die temporäre Stabilität in einem sich ständig verändernden und entwickelnden Kontext gewährleisten. [7]

Ökosysteme sind widerstandsfähig, weil sie die notwendige Diversität und zahlreiche Redundanzen auf verschiedenen Ebenen aufweisen. Die Regenerationsfähigkeit von Ökosystemen ist nur so stark wie ihre biologische Vielfalt. [6] Die komplexen Beziehungsnetze, die gesunde Ökosysteme schaffen, lassen sich nicht effektiv erklären, indem man sich nur auf den Erfolg oder Misserfolg einzelner Individuen innerhalb dieser Systeme konzentriert. Diese reduktionistische Fokussierung auf isolierte Elemente spiegelt unser aktuelles wissenschaftliches Verständnis davon, wie Ökosysteme gesund und widerstandsfähig bleiben, nicht ausreichend wider. Das habe ich bereits im ersten Teil dieser Serie entmystifiziert [1].

Anstatt also die Anzahl und den kurzfristigen Erfolg einer einzelnen Art zu maximieren, neigen Ökosysteme dazu, dass gesamte System so zu optimieren, dass Vielfalt, Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und Regenerationsfähigkeit des Ökosystems als Ganzes gefördert werden. [7] Denn diese Vielfalt, Redundanz und Dezentralität ermöglichen es Ökosystemen, Störungen abzufedern und sich nach Krisen neu zu organisieren. Fällt eine Art oder Funktion teilweise aus, können andere einspringen. 

Die Organismengemeinschaft eines Ökosystems – mit ihren oben erwähnten vielfältigen Rollen, mehrfachen Redundanzen und schnellen Rückkopplungsschleifen – ist in Netzwerke innerhalb von Netzwerken eingebunden. Wir können viel von diesem Organisationsmuster lernen. [7] Denn: Diese Fähigkeit zur Anpassung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis evolutionärer Prozesse, die auf langfristige Stabilität statt kurzfristige Effizienz ausgerichtet sind. Und genau hier liegt eine wichtige Lehre für wirtschaftliche Systeme, die heute häufig linear, spezialisiert und damit anfällig für externe Schocks sind.

Für die Circular Economy liefert die Natur nämlich ein kraftvolles Vorbild: Kreisläufe statt linearer Prozesse, Effizienz durch Wiederverwendung, Redundanz zur Absicherung gegen Störungen und ständige Anpassungsfähigkeit. Wer versteht, wie natürliche Systeme resilient bleiben, kann ähnliche Prinzipien auf Wirtschaft und Industrie übertragen – und so langlebige, widerstandsfähige Kreislaufwirtschaften schaffen.

In diesem Sinne müssen wir auch noch einmal über „Gleichgewicht“ sprechen, um besser verstehen zu können, wie die Natur Resilienz erwirkt.

Leben im Gleichgewicht: Lehren über die Resilienz natürlicher Systeme

Im ersten Teil habe ich bereits angekündigt, dass wir auch über Gleichgewicht und Balance reden müssen. So, here we go! Die natürlichen Ökosysteme zeichnen sich nämlich genau dadurch aus, dass sie ihre Welt(en) im Gleichgewicht halten. Hierzu möchte ich das Schaubild der Ellen MacArthur Foundation bemächtigen, welches ich schon im ersten Teil verwendet habe:

Quelle: Ellen MacArthur Foundation [MAC]

Hier dargestellt ist ein nicht-linearer Zusammenhang, wie wir ihn überall im Leben finden, zwischen Effizienz und Resilienz. Es handelt sich um eine invertierte U-Kurve, eine umgedrehte Glockenkurve, und eben keine lineare Gerade. Sie besagt folgendes: Ein Übermaß an Effizienz erhöht die Fragilität von Systemen, während ein Übermaß an Diversität ihre Leistungsfähigkeit hemmt und zu Stillstand führen kann. Die Balance – das Gleichgewicht – ist der herzustellende Idealzustand. 

Lineare Zusammenhänge sind in der realen Welt die Ausnahme. Bei Linearität sind die Beziehungen zwischen Variablen klar, scharf definiert und konstant und lassen sich daher mit platonischer Leichtigkeit in einem Satz zusammenfassen. Wir konzentrieren uns in Unterricht und Lehrbüchern nur deshalb auf sie, weil sie leichter verständlich sind. Doch linearer Fortschritt, eine platonische Idee, ist nicht die Norm. [8]

Übrigens: An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, dass der Faktor Zeit eine wichtige Rolle in Systemen spielt. Denn Systeme neigen ganz automatisch zur Entropie – das Maß für Unordnung / Freiheit –, denn sie entwickeln sich bevorzugt in Zustände, die wahrscheinlicher sind – und diese haben meist höhere Entropie. Auch wenn also Gleichgewicht die Bestrebung ist, ist das kein konstanter Zustand, sondern immer in eine Dynamik eingebettet, wo das System Energie aufwenden muss, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. 

Zusammenfassung

Wenn wir also die Natur als Vorbild nehmen für Resilienz, um im Weiteren die Erfolgsaspekte der Circular Economy herausarbeiten zu können, dann lässt sich das wie folgt zusammenfassen: [8]

  • Das Muster der Natur ist Modularität – vernetzte, dezentrale Systeme mit Redundanz auf allen Ebenen.
  • Diversität schafft die notwendige Vielfalt und Anpassungsfähigkeit.
  • Redundanz in der Bereitstellung lebenswichtiger Ressourcen und Funktionen erhöht die Selbstversorgung und Resilienz dezentraler, aber global vernetzter Kooperationsnetzwerke.
  • Lokale, regionale und globale Ebenen sind in symbiotischen und sich gegenseitig unterstützenden Beziehungen miteinander verbunden.
  • Die Ressourcen- und Energieflüsse sind überwiegend lokal/regional und in zirkulären und regenerativen Mustern organisiert.
  • Selbstregulation und Regeneration basieren auf dem Austausch von Informationen und Ressourcen in verschachtelten Netzwerken innerhalb von Netzwerken.
  • Kooperative Beziehungen, die Diversität fördern, ermöglichen die Teilhabe am Überfluss und erhalten die systemische Gesundheit.

Gleichgewicht, und nicht zwangsläufig und einzig Wachstum, ist der Kern des Wohlstands. Wachstum ist eine besondere Phase in der Entwicklung des Organismus. Jenseits dieses speziellen Wachstumsstadiums ist Überfluss für unsere Gesundheit genauso schädlich wie Mangel. Wachstum als Metapher für sozialen Fortschritt wird genau dann schädlich, wenn Mangel in Überfluss umschlägt. [9]

Übrigens: Wachstum an sich ist kein Problem. Es wird nur dann zum Problem, wenn wir nicht lernen, von der jugendlichen Phase des quantitativen Wachstums zu einer reiferen Phase des qualitativen Wachstums überzugehen, wie es im Reifungsprozess von Ökosystemen geschieht. [7] Ich habe das bereits in einem früheren Blogpost angeteasert: Wachstum wird irgendwann auch mal einen eigenen Beitrag bekommen. 

Was die Circular Economy mit der Resilienz zu tun hat?

In den vorangegangen Kapiteln und den anderen Blogposts zur Circular Economy habe ich das bereits mehrmals erwähnt, ohne es explizit zu erklären. Ich will das nochmal pointiert in einem Satz zusammenfassen:

Die Circular Economy ist ein zentraler Hebel für Resilienz, weil sie Abhängigkeiten reduziert, Flexibilität erhöht und ökologische wie wirtschaftliche Grundlagen stabilisiert. Punkt! 

Diese Zusammenhänge lassen sich in mehreren Dimensionen erklären:

#1 Versorgungssicherheit & Krisenfestigkeit

In einer linearen Wirtschaft („take–make–waste“) besteht eine hohe Abhängigkeit von primären Rohstoffen, oft aus wenigen Ländern. Anstatt auf eine lineare Wirtschaftsweise mit hohem Ressourcenverbrauch und Abfall zu setzen, zielt die Circular Economy darauf ab, Materialien und Produkte möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten. Durch die Nutzung von Sekundärrohstoffen (Recycling, Wiederverwendung) und die Verlängerung der Produktlebenszyklen (Reparatur, Refurbishment. Remanufacturing) werden somit Importabhängigkeiten von primären Rohstoffen reduziert, was die Versorgungssicherheit erhöht und die Anfälligkeit gegenüber Krisen, Preisschwankungen oder geopolitischen Konflikten verringert. Das Ergebnis ist, dass Unternehmen und Volkswirtschaften resilienter werden gegenüber genau diesen Effekten.

#2 Ökologische Resilienz

Gleichzeitig stärkt die Circular Economy die ökologische Resilienz, indem sie den Ressourcenabbau, Emissionen, Abfälle, Umweltzerstörungen und -belastungen reduziert und so natürliche Lebensgrundlagen schützt und die Regeneration von Ökosystemen unterstützt. Diese sind eine zentrale Voraussetzung für langfristige wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Das Ergebnis ist, dass Klima-, Biodiversitäts- und Ressourcenschocks abgeschwächt werden und die Gesellschaft somit langfristig handlungsfähig bleibt.

#3 Wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit

Resilienz beinhaltet nicht nur „Widerstandsfähigkeit“, sondern auch Lern- und Anpassungsfähigkeit. Circular-Economy-Ansätze fördern Innovation in (Produkt-) Design, Materialien, Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen, wodurch Unternehmen flexibler auf Veränderungen reagieren können. Diese Ansätze ermöglichen zudem eine schnellere Anpassung an neue Regulierungen oder Marktbedingungen, und eröffnen neue Einnahmequellen unabhängig vom Neumaterialverbrauch. Das Ergebnis ist, dass Unternehmen strategisch resilient werden, und nicht nur operativ.

#4 Soziale Resilienz

Auch auf sozialer Ebene wirkt die Circular Economy stabilisierend, da sie regionale Wertschöpfung stärkt, neue Arbeitsfelder, wie Reparatur, schafft, und lokale Kompetenzen und Wissen verankert. Das Ergebnis ist, dass Gesellschaften sozial stabiler werden und weniger anfällig für externe Schocks.

Die Implikationen für die Logistik

Die Logistik ist breitgefächert. Sie ist eine Matrixfunktion innerhalb der gesamten Wirtschaft. Logistik ist das Nervensystem der Lieferkette – sie verbindet, steuert, ermöglicht und optimiert den Fluss von Gütern und Informationen in einer zunehmend vernetzten und dynamischen Welt. Schauen wir uns die Circular Economy also in unterschiedlichen Logistik-Disziplinen an und beantworten die Fragen, wie sie zu mehr Resilienz führen kann und welche Implikation sich für die und aus der Logistik ergeben.

#1 Beschaffungslogistik / Produktion

Die Circular Economy verändert die Beschaffungslogistik, indem sie den Fokus von der reinen Beschaffung neuer Rohstoffe auf das Management von Materialkreisläufen erweitert. Unternehmen beziehen neben Primärrohstoffen auch Rezyklate, wiederaufbereitete Bauteile und Sekundärmaterialien und integrieren Rückwärtslogistik, etwa durch Rücknahme- und Recyclingprozesse. Zusätzlich gewinnen neue Kriterien bei der Lieferantenauswahl an Bedeutung, wie Umweltstandards, Recyclingfähigkeit und Transparenz in der Lieferkette.

Durch diese Ausrichtung wird die Beschaffungslogistik widerstandsfähiger gegenüber Störungen. Die Nutzung regionaler Kreisläufe und eigener Rücknahmesysteme reduziert die Abhängigkeit von globalen, oft instabilen Lieferketten und verringert das Risiko von Lieferausfällen. Gleichzeitig erweitert sich die Lieferantenbasis um Recycling- und Aufbereitungsunternehmen, was die Flexibilität und die Versorgungssicherheit erhöht.

Zudem trägt die Circular Economy zu einer stabileren Kostenstruktur und besseren Planbarkeit bei. Sekundärrohstoffe sind häufig weniger stark von internationalen Preisschwankungen und geopolitischen Krisen betroffen als Primärrohstoffe, wenngleich die Sekundär-Pendants bisweilen noch teilweise teurer sind als die sogenannten „Virgin Materials“. Insgesamt stärkt die Circular Economy damit die Krisenfestigkeit der Beschaffungslogistik, da Unternehmen auf alternative Materialströme zurückgreifen und schneller auf Markt- und Lieferstörungen reagieren können.

#2 Transportlogistik

Die Circular Economy erweitert den klassischen Vorwärts-Transport (Rohstoffe → Produktion → Kunde) um einen Rückwärts- und Kreislauftransport. Transportlogistik ist also nicht mehr nur Einweg, sondern zweiseitig organisiert. Neben der Auslieferung von Produkten werden gebrauchte Waren, Verpackungen und Recyclingmaterialien zu Sortier-, Aufbereitungs- und Recyclingstellen transportiert. Eine heute bereits etablierte Praxis, nur eben nicht im großen Stil.

Das bedeutet: Mehr Transporte, aber nicht zwangsläufig mehr Kilometer. Durch die Circular Economy entstehen zwar zusätzliche Transportbewegungen, die jedoch durch Bündelung, die Nutzung von Leerfahrten und regionale Kreisläufe häufig effizienter gestaltet werden können, sodass die Gesamttransportdistanz pro Produkteinheit nicht zwangsläufig steigt.

In Bezug auf die Resilienz reduziert die Circular Economy ebenfalls eine Abhängigkeit, nämlich die von globalen Transportketten, indem sie regionale Netzwerke und dezentrale Aufbereitungsstrukturen fördert. Kürzere Distanzen und lokale Partner machen die Transportlogistik weniger anfällig für internationale Störungen. Dadurch wird die Versorgungssicherheit auch in Krisensituationen erhöht. Zudem steigert die Circular Economy die Flexibilität und Anpassungsfähigkeit der Transportlogistik. Dies verbessert die Kostenstabilität und stärkt die Krisenfestigkeit des gesamten Transportsystems.

#3 Intralogistik

Ein besonderer Bereich der Logistik im Hinblick auf die Circular Economy ist die Intralogistik. In diesem speziellen Bereich existieren schon seit jeher Rücknahme-, Qualitätsprüfungs-, Sortierungs- und Verteilungsprozesse. Allerdings immer (noch) recht stiefmütterlich, wenngleich ein Aufwärtstrend durchaus zu beobachten ist. Für die Intralogistik ergeben sich enorme Potenziale aus den Prinzipien der Circular Economy. 

Wenn nämlich Rücknahme, Aufwertung, Reparatur, Demontage, etc. und letztlich Re-Sale zum Standard werden, verändert sich die Logik der Materialflüsse grundlegend. Denn in diesem Kontext entwickelt sich die Intralogistik von einer unterstützenden Funktion hin zu einem zentralen Wertschöpfungselement. Die zirkuläre Nutzung von Produkten erfordert eine hochdynamische und flexible Steuerung von Rücknahme-, Prüf-, und Aufwertungsprozessen. Dadurch entsteht ein deutlich erweitertes Potenzial für die Intralogistik, sowohl in wirtschaftlicher als auch in strategischer Hinsicht.

Durch die systematische Rücknahme, Identifikation und Klassifizierung von Produkten kann frühzeitig entschieden werden, ob ein Artikel für den direkten Wiederverkauf, für Reparatur und Aufwertung oder für die Verwertung von Komponenten geeignet ist. Eine leistungsfähige Intralogistik reduziert Liegezeiten und Kapitalbindung und erhöht gleichzeitig die Wiederverwendungsquote und den wirtschaftlichen Restwert der Produkte. Hier kann also insbesondere die Intralogistik neue Wertschöpfungstätigkeiten wahrnehmen.

#4 Supply Chain Management

Das Supply-Chain-Netzwerk wird größer und komplexer. Neben der klassischen Vorwärtslogistik wird die Rückwärtslogistik zu einem festen Bestandteil der Supply Chain. Dadurch erweitert sich das Netzwerk der Supply Chain um neue Akteure wie Recyclingpartner, Reparaturdienstleister und Wiederaufbereitungszentren, was die Koordination und Planung komplexer macht. 

Gleichzeitig verändert sich die Beschaffungsstrategie (s. oben Punkt 1), da nicht mehr ausschließlich neue Rohstoffe eingekauft werden, sondern auch Rezyklate und eigene Rückläufer als alternative Materialquellen genutzt werden. Das Produktdesign gewinnt somit für das Supply Chain Management an Bedeutung, weil Produkte so gestaltet werden müssen, dass sie leicht zerlegt, repariert und recycelt werden können, was eine enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, Einkauf, Logistik und Produktion erfordert.

In Summe lässt sich sagen, dass die Aufgabe und Rolle des Supply Chain Managements sich mehr und mehr zu einem strategischen Gestalter von Wertschöpfungskreisläufen, der Rücknahmeprozesse und Partnernetzwerke aufbaut, wandeln wird. Im Grunde ist das eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung solcher Kreisläufe. Eine Rolle, die sich ebenfalls aus der reinen Kosten- und Effizienzoptimierung raustransformieren muss.

Wenn wir den Zusammenhang zwischen Circular Economy und Resilienz um den Faktor Logistik ergänzen, dann kann der zentrale Satz wie folgt lauten:

Als strategischer Hebel trägt die Circular Economy dazu bei, Lieferketten robuster, flexibler und weniger anfällig für externe Störungen zu gestalten. Und das Zugtier dafür ist die Logistik.

Circular Economy – Ein kurzer unternehmerischer Statusbericht

Also, alles tutti, oder? Es müssten doch alle Unternehmen wie wahnsinnig an einer Circular Economy arbeiten. Vor allem die Unternehmen, die im Epizentrum dessen stehen und deren Business Modelle von der Circular Economy profitieren werden, sprich die Logistik, der Motor der Circular Economy [3]. Oder etwa nicht? Wie sieht es also mit der Circular Economy in Deutschland aus? Die ernüchternde Antwort: Geht so. Die 40 deutschen DAX-Unternehmen arbeiten bislang nur begrenzt und überwiegend oberflächlich an der Circular Economy.

Der Circularity Index 2026 von Indeed Innovation zeigt, dass etwa die Hälfte der 40-DAX-Unternehmen keinerlei quantitative Circular Economy Ziele haben und sich der Großteil der messbaren Ambitionen auf klassische Nachhaltigkeitsthemen wie Energie, Wasser und Recycling konzentriert, statt auf echte Circular Economy Strategien wie Wiederverwendung, Reparatur, Refurbishment oder neue Geschäftsmodelle. [10]

Zwar berichten viele Unternehmen über Aktivitäten und Kooperationen, doch diese bleiben meist qualitativ und unverbindlich. Nur 4 quantitative Ziele zu den zentralen 10R-Werterhaltungsstrategien existieren über alle 40 Firmen hinweg. Selbst die führenden Unternehmen decken mit messbaren Zielen weniger als 14 % der relevanten Kreislauf-Indikatoren ab, was auf eine systemische Unterverankerung im Kerngeschäft hindeutet. [10]

Aber warum ist das so? Nun ja, hier sind wir beim betriebswirtschaftlichen Dilemma. Kurzfristigkeit vs. Langfristigkeit. Zugegeben, es gibt noch weitere Gründe. Aber ich will mich auf ein grundsätzliches Spannungsfeld fokussieren. Kurzfristig wird die Circular Economy als „teuer“ wahrgenommen, weil vor allem höhere Kosten und Risiken entstehen. Demgegenüber werden die Vorteile erst langfristig sichtbar.

Das liegt vor allem an hohen Anfangsinvestitionen. Bspw. aufgrund des Aufbaus von Rücknahme- und Recyclingsystemen oder die Investitionen in neue Materialien und Technologien und die damit verbundene Umstellung von Produktionsanlagen. Darüber hinaus sind Stand heute Rezyklate und nachhaltigere Materialien häufig noch teurer als Neu-Materialien oder sind schwankend in ihrer Qualität. Reparatur und Aufbereitung sind arbeitsintensiv und skalieren nicht in kleineren Stückzahlen. Überdies gibt es immer noch regulatorische und rechtliche Hürden aufgrund unterschiedlichen Vorschriften in unterschiedlichen Ländern.

Das führt unweigerlich dazu, dass die damit einhergehende komplexere Logistik mitsamt den fehlenden Infrastrukturen und Netzwerken einen recht schwierigen Startpunkt hat. Viele Unternehmen werden stark an Quartalszahlen gemessen. Circular-Economy-Modelle lohnen sich oft erst mittel- bis langfristig, was intern schwer zu rechtfertigen ist. Langfristig kann die Circular Economy Kosten senken, aber der Einstieg ist teuer und komplex, weshalb eben viele Unternehmen zögern.

Fazit: Die DAX40 arbeiten eher „an der Circular Economy“ im Sinne von Reporting, Recycling und Energiezielen, aber nur wenige arbeiten „in der Circular Economy“, also mit kreislauffähigen Produkten, Rücknahmesystemen, Refurbishment oder zirkulären Geschäftsmodellen als zentralem Bestandteil ihrer Wertschöpfung.

Es gibt also noch viel zu tun…

Fazit

Die Betrachtung der Circular Economy durch die Brille der Resilienz macht deutlich, dass es hier um weit mehr geht als um Recycling, Effizienzgewinne oder regulatorische Pflichterfüllung. Zirkuläres Wirtschaften ist ein systemischer Ansatz, der auf Stabilität in einer zunehmend unsicheren Welt abzielt. Wie in natürlichen Ökosystemen entsteht Widerstandsfähigkeit nicht durch die Optimierung einzelner Elemente, sondern durch das Zusammenspiel von Diversität, Redundanz und funktionierenden Kreisläufen. Unternehmen, die diese Logik verstehen, verschieben ihren Fokus von kurzfristiger Kostenminimierung hin zu langfristiger Sicherung von Handlungsfähigkeit, Versorgung und Wertschöpfung.

Denn: Wir können die großen Einflüsse unserer Zeit nicht steuern. Wir können allerdings Organisationen so gestalten, dass die Anzahl der potenziellen Handlungsoptionen (robust, resilient, antifragil) hoch ist. Das widerspricht in vielerlei Hinsicht dem reinen Effizienzgedanken, der heute noch immer viele Organisationen prägt. [11] Zusammenarbeit und systemische Optimierung sind effektivere Überlebensstrategien. Aber von vielfältiger Vernetztheit – im Sinne der Circular Economy – wie in der Natur kann aktuell keine Rede sein. Vielmehr versuchen die Firmen ihre Ressourcenprobleme individuell anzugehen und sich durch Selbstoptimierung Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Der Blick auf den aktuellen Stand zeigt eben genau dieses, nämlich dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine erhebliche Lücke klafft. Solange Circular Economy in vielen Unternehmen primär als Reporting-Thema und weniger als strategischer Kern der Wertschöpfung verstanden wird, bleibt ihr Resilienz-Potenzial weitgehend ungenutzt. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, von punktuellen Maßnahmen zu echten zirkulären Geschäftsmodellen zu gelangen. Wer diesen Schritt geht, investiert nicht nur in Nachhaltigkeit, sondern in die langfristige Überlebensfähigkeit und Wettbewerbsstärke seines gesamten Systems.

Besonders für die Logistik wird deutlich, dass sie nicht nur „Ermöglicher“ der Circular Economy ist, sondern selbst im Zentrum der Transformation steht. Mit der Integration von Rücknahme-, Aufbereitungs- und Wiederverwendungsprozessen wandelt sich die Logistik von einer reinen Unterstützungsfunktion zu einem aktiven Wertschöpfungstreiber. Intralogistik, Transport und Supply-Chain-Management werden zu Knotenpunkten zirkulärer Netzwerke, in denen Transparenz, Flexibilität und Koordination über den Erfolg oder Misserfolg resilienter Kreisläufe entscheiden.

Die Circular Economy macht Systeme nicht perfekt, aber erstaunlich schwer kaputt. Linear ist zwar schnell, aber zirkulär ist zäh. Und zäh gewinnt auf langer Stecke sehr oft.

Und so schließe ich mit einem Zitat von Simon Sinek:

„Ein auf Widerstandsfähigkeit getrimmtes Unternehmen ist für die Ewigkeit gebaut. Darin unterscheidet es sich von einem auf Stabilität ausgerichtetes Unternehmen.“

 

Hast du einen Fehler entdeckt? Dann schreibe mir gerne! Ich bin jederzeit dazu bereit einen Fehler zu korrigieren und darauf hinzuweisen, dass ich etwas korrigiert habe. Ich bin kein ausgebildeter Journalist. Meine Recherchen können nicht so professionell sein wie bei einem Artikel. Neben dem Schreiben eines Blogposts, arbeite ich 40 Stunden regulär bei meinem Arbeitgeber. Ich bitte dies zu berücksichtigen.

Quellen

Autor*in

Timo Landener

Timo Landener arbeitet seit mehr als 20 Jahren im logistischen Bereich, hauptsächlich in der Intralogistik. Und seit er angefangen hat, ist viel passiert, und natürlich hat auch er sich weiterentwickelt. Anfangs interessierte er sich (fast) ausschließlich für die Digitalisierung und Automatisierung logistischer Prozesse. Über die Jahre hat er so ziemlich jede Rolle in dieser Hinsicht ausgefüllt. Von Beratung und Systemdesign über Projektmanagement bis hin zu Produktmanagement und Personalmanagement. Seit dem 01.09.2024 ist er bei der Körber als Innovation Manager (+Sustainability) tätig. Über die letzten Jahre hat er zunehmend eine Expertise im Bereich der Nachhaltigkeit und den daraus resultierenden Fragestellungen für die Logistik aufgebaut. Dieses thematisiert er zusammen mit Moritz Petersen als Host des Podcast „Das Gleiche in Grün“.


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