• People&Culture

Leadership in der modernen Logistik

Lisa-Marie Karusseit

Wachstum vorleben und weitergeben – ein Interview mit Lorena Garcia von AUTODOC.

Lorena garcia

In a nutshell: In diesem Interview erfährst du, warum Wachstum kein Titel, sondern eine Haltung ist, wie du Mitarbeiter*innen durch Veränderung führst, warum Mikromanagement keine Zukunft hat und weshalb moderne Logistikführung immer beim Menschen beginnt. 
Ein ehrlicher, praxisnaher Einblick in Leadership, direkt aus dem Alltag von Lorena Garcia, Director of Transportation bei AUTODOC. 

Logistik als Zufall und als Leidenschaft 

„Ich glaube, Logistik war am Anfang reiner Zufall“, sagt Lorena Garcia und lacht. Studiert hat sie Wirtschaftsingenieurwesen in Chile mit dem Ziel, im Bergbau zu arbeiten. Doch wie so oft verlief die Karriere anders als geplant. „Ich habe bei einer Fluggesellschaft in der Luftfracht angefangen. Das Einzige, was ich damals wusste: Ich wollte irgendwann im Ausland arbeiten.“ Was folgte, war eine Karriere, die exemplarisch für stetiges Wachstum in der Logistik steht: Capacity Planning, Revenue Management, operative Verantwortung im Lager, Import & Export, internationale Teams, Road Transportation, Seefracht und immer wieder neue Perspektiven. Was Lorena von Anfang an fasziniert hat, ist bis heute ihr Antrieb: „Für mich ist Logistik das perfekte Gleichgewicht zwischen Analytik und Firefighting. Kein Tag ist gleich. Eine Lösung funktioniert heute und morgen nicht mehr.“ Diese Dynamik prägt nicht nur den Job, sondern auch ihren Führungsstil. 

Moderne Führung in der Logistik: Menschen zuerst 

Lorena übernahm früh Verantwortung für Teams, auch international und remote. Schon zu Beginn ihrer Führungslaufbahn lernte sie, was heute zentraler denn je ist: Vertrauen. „Mikromanagement funktioniert für mich nicht. Ich will nicht jeden Tag fragen: Hast du das gemacht? Hast du das erledigt?“ Stattdessen setzt sie auf Klarheit, Eigenverantwortung und Menschlichkeit. „Für mich sind Menschen der wichtigste Faktor. Ich merke sofort, wenn es jemandem nicht gut geht und dann frage ich: Ist es privat oder beruflich?“ Gerade in der Logistik, wo Stressphasen wie Peak Season oder Krisen zum Alltag gehören, macht genau das den Unterschied. „Wenn du Flexibilität erwartest, musst du sie auch vorleben. Führung ist keine Einbahnstraße.“ 

Remote Work, Vertrauen und Freiheit 

Ob Homeoffice, flexible Arbeitszeiten oder internationale Teams: Für Lorena ist moderne Arbeitsorganisation kein Nice-to-have, sondern Realität. „Es ist mir egal, ob jemand zu Hause oder im Büro arbeitet und um welche Uhrzeit. Wichtig ist, dass wir liefern.“ Die einzige feste Struktur: ein gemeinsames Zeitfenster für Meetings. Alles andere basiert auf Vertrauen. „Ich gebe ein Ziel und eine Deadline. Wenn jemand merkt, dass es nicht funktioniert, erwarte ich, dass er oder sie sich meldet. Genau das ist Professionalität.“ Ein Führungsstil, der besonders in der modernen Logistik mit ihren verteilten Teams und globalen Lieferketten immer relevanter wird. 

Talente erkennen und wirklich entwickeln 

Ein zentraler Punkt moderner Leadership in der Logistik ist Talententwicklung. Doch nicht jede*r will wachsen und das ist okay. „Der erste Punkt ist: Will die Person überhaupt wachsen? Wenn nicht, ist jede Entwicklungsmaßnahme verschwendete Energie.“ Für Lorena beginnt Entwicklung immer mit einem offenen Gespräch: „Wo siehst du dich in vier oder fünf Jahren? Was willst du erreichen?“ Danach folgt Ehrlichkeit über Lücken und Potenziale und vor allem Praxis. „Training macht vielleicht 20 Prozent aus. Die anderen 80 Prozent sind Learning by Doing.“ Deshalb delegiert sie bewusst Verantwortung. „Wenn ich Aufgaben nicht abgebe, nehme ich meinem Team die Chance zu lernen. Man lernt nicht aus Büchern, sondern aus echten Situationen.“  

Wachstum beginnt dort, wo die Komfortzone endet 

Stillstand ist für Lorena selbst keine Option. „Ich bin keine Person für den Status quo oder die Komfortzone. Das funktioniert für mich einfach nicht.“ Ob Deutsch lernen, einen MBA parallel zum Job absolvieren oder während der Pandemie komplexe Transportnetzwerke managen, ihr Wachstum war nie bequem. Aber immer notwendig. „Ich habe mir oft Ruhe gewünscht und wenn ich sie hatte, habe ich gemerkt: Ich vermisse den Druck. Ich vermisse die Herausforderung.“ Gerade in der Logistik, einer Branche unter permanentem Zeit- und Kostendruck, ist diese Haltung entscheidend. Moderne Führung bedeutet hier nicht, alles zu kontrollieren, sondern Orientierung zu geben. 

Change Management: Klarheit schlägt Perfektion 

Wachstum bedeutet Veränderung und Veränderung bedeutet Reibung. Lorena hat mehrfach große Transformationen begleitet: Standortaufbau, neue operative Strukturen, schnelles Unternehmenswachstum. „Change funktioniert nie von heute auf morgen. Die ersten zwei, drei Monate laufen fast nie perfekt und das ist normal.“ Ihr Ansatz: Struktur, klare Erwartungen und Transparenz. „Was sind die Erwartungen? Was ist das Minimum, das wir akzeptieren können? Und was passiert, wenn es nicht funktioniert?“ Diese Klarheit reduziert Frustration und gibt Teams Sicherheit in unsicheren Phasen.  

Wachstum weitergeben: Die Rolle der Führungskraft von morgen 

Und 2040? Lorena denkt nicht an Ruhestand. „Ich will meine Erfahrung weitergeben – nicht Probleme lösen, sondern Menschen befähigen.“ Ob als Professorin, Strategin oder Mentorin: Ihr Ziel bleibt dasselbe. „Wie schaffe ich es, dass jüngere Mitarbeiter*innen diese Erfahrung selbst sammeln können?“ Denn genau darin liegt moderne Leadership in der Logistik: Wachstum nicht für sich zu behalten, sondern es vorzuleben und weiterzugeben.  

Zukunft der Logistik: Automatisierung braucht Erfahrung 

Automatisierung, KI und Analytics verändern die Supply Chain rasant. Doch Lorena sieht auch Risiken. „Wenn wir alles automatisieren, verlieren wir langfristig Erfahrung. Dann haben wir irgendwann ein Gap, weil niemand mehr weiß, wie Prozesse wirklich funktionieren.“ Gerade deshalb bleiben menschliche Fähigkeiten entscheidend. „Logistik funktioniert nicht jeden Tag gleich. Du brauchst Menschen, die ‚figure it out‘ können.“ Stressresistenz, analytisches Denken, Perspektivwechsel. Das sind Skills, die keine Maschine ersetzt. „Analytics, Systeme oder Sprachen kannst du lernen. Diese Fähigkeit, Lösungen zu finden, nicht so schnell.“ 

Leadership in der Logistik ist eine Haltung – kein Titel 

Prozesse ändern sich, Systeme werden automatisiert, Netzwerke wachsen global. Doch eines bleibt konstant: Erfolg entsteht durch Menschen. Genau das macht Leadership in der Logistik heute so anspruchsvoll und so entscheidend. Lorena Garcia zeigt eindrucksvoll, dass Führung nicht bedeutet, jede Entscheidung selbst zu treffen oder jedes Detail zu kontrollieren. Im Gegenteil: Gute Führung schafft Klarheit, gibt Richtung vor und lässt Raum für Eigenverantwortung. Wachstum beginnt dabei immer bei der Führungskraft selbst. Wer Veränderung fordert, muss sie vorleben. Wer Flexibilität erwartet, muss Vertrauen schenken. Und wer Entwicklung im Team sehen will, muss bereit sein, Verantwortung abzugeben. 

Automatisierung und Technologie werden die Logistik weiter verändern. Doch sie ersetzen nicht das, was den Unterschied macht: Menschen, die mitdenken, Verantwortung übernehmen und Lösungen finden, wenn der Plan nicht mehr funktioniert. Führungskräfte, die diesen Raum schaffen, sichern nicht nur den heutigen Erfolg, sondern entwickeln die nächste Generation von Logistik-Leader*innen. Leadership in der modernen Logistik bedeutet deshalb vor allem eines: Wachstum nicht für sich zu behalten, sondern weiterzugeben. 

Autor*in

Lisa-Marie Karusseit

Lisa ist seit mehreren Jahren als Personal- und Kommunikationsexpertin in den Bereichen E-Commerce und Logistik tätig. Bei even logistics teilt sie ihre umfangreichen Erfahrungen, führt Gespräche mit Expert*innen und zeigt auf, wie starke People & Culture-Strategien den nachhaltigen Erfolg von Logistikunternehmen fördern. Jenseits des beruflichen Alltags tobt sich Lisa mit abstrakter Kunst kreativ und auf dem Surfbrett sportlich aus.


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