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KI im Lager: Präzisere Personalplanung
Über Planbarkeit in Peaks und die Frage, warum Vertrauen oft langsamer wächst als Technik, mit Tobias Heyer, Interim CRO bei foresAIght.ai.
In a nutshell: KI kann die Personalplanung im Lager deutlich verbessern: genauer, planbarer, ruhiger. Praxiserfahrungen zeigen Effekte von 35–60 % genauerer Planung* und eine Reduktion großer Abweichungen um bis zu 50 %*. Und trotzdem bleibt die Akzeptanz in vielen Lagern verhalten. Warum eigentlich? Dieser Beitrag beleuchtet Chancen, Grenzen und die sehr menschlichen Reaktionen auf eine Technologie, die Prozesse verändern kann, aber nicht automatisch Vertrauen schafft.
Zu viele, zu wenige – selten genau richtig
Zwischen Fachkräftemangel und Peak-Stress wird Personalplanung im Lager zunehmend zu einem kritischen Erfolgsfaktor. Kaum ein Bereich ist so stark von schwankendem Volumen, kurzfristigen Entscheidungen und hohem Kostendruck geprägt wie die operative Logistik.
Mit diesen Spannungsfeldern beschäftigt sich auch Tobias Heyer, Interim Chief Revenue Officer bei foresAIght.ai, einem Unternehmen, das KI-gestützte Prognosen für Logistik- und Produktionsumgebungen entwickelt. In seiner täglichen Arbeit bewegt er sich genau an der Schnittstelle zwischen operativem Lageralltag, Planung und datengetriebener Entscheidungsfindung.
Fehlplanung wirkt sich dabei unmittelbar auf mehrere Ebenen gleichzeitig aus: auf Mitarbeiter*innen, auf Kund*innen und auf die Kostenstruktur. Ein zentrales Problem sind ungleich verteilte Arbeitsspitzen. „Du hast bekannte Peaks: Ostern, Black Friday, Q4 mit Weihnachten“, beschreibt Tobias. Dazwischen: deutlich weniger Volumen und damit ein ständiges Auf und Ab für Einsatzplanung, Leiharbeit und Schichtmodelle.
„Es gibt im Prinzip drei Situationen im Lager“, erklärt Tobias.
- Alle haben genug zu tun – optimal.
- Zu viele Mitarbeiter*innen – Leerlauf, Frust, Kosten.
- Zu wenige Mitarbeiter*innen – Stress, Rückstände, SLA-Risiken.
Besonders kritisch wird es bei Großkund*innen:
„Wenn du SLAs nicht erfüllst, kostet dich das direkt Cash“, sagt Tobias. Vertragsstrafen sind dann keine theoretische Größe mehr. Hinzu kommt das gebundene Kapital durch langsame Lagerumschläge: „Produkte, die ein halbes Jahr liegen, binden ein halbes Jahr Cash.“
Bauchgefühl statt Daten: Wie heute oft geplant wird
Trotz dieser Komplexität basiert Personalplanung in vielen Lagern noch immer auf Erfahrung und Intuition. „Ich würde sagen, 80 % der Planung ist Daumen im Wind“, behauptet Tobias. „Der Lagerleiter hat 20–30 Jahre Erfahrung und weiß: Wir wachsen jedes Jahr um drei Prozent und Weihnachten ist mehr.“
Das Problem daran ist nicht Erfahrung an sich, sondern die fehlende systematische Nutzung von Daten. Externe Faktoren wie Wetter, Konsumklima oder Marketingkampagnen werden häufig gar nicht oder nur sehr grob berücksichtigt. „Viele Prognosen sind extrem bauchgetrieben und wenig datengetrieben“, fasst Tobias zusammen.
Was KI hier anders macht und warum das relevant ist
KI-gestützte Prognosesysteme setzen genau an dieser Stelle an: Sie analysieren große Mengen historischer und externer Daten und suchen nach Zusammenhängen, die menschlich kaum systematisch erfassbar sind.
Ein Beispiel aus der Praxis: „Wenn das Wetter über 20 Grad ist, steigt die Nachfrage nach Ameisenpestiziden drei Wochen später“, erklärt Tobias. „Das heißt: Wenn ich heute sehe, dass es in drei Wochen warm wird, habe ich sechs Wochen Vorlauf.“
Solche Korrelationen lassen sich weiter verfeinern: „20 Grad plus bedeutet fünf Prozent mehr Nachfrage, ein schlechtes Konsumklima dämpft sie vielleicht um zwei Prozent.“
Das Ergebnis: deutlich präzisere Volumenprognosen und damit eine bessere Grundlage für die Personalplanung.
Was genauere Planung messbar bringt
- 35–60 % genauere Personalplanung*
(u. a. durch Reduktion von Leerkosten und Unterbesetzung) - Bis zu 50 % weniger starke Abweichungen*
- Weniger Überstunden in Peaks
- Weniger Leerlauf in schwachen Phasen
- Stabilere Schicht- und Einsatzplanung
Die Grenzen der KI
So leistungsfähig KI-Modelle auch sind: Sie sind keine Kristallkugel. „100 % Genauigkeit ist statistisch nicht möglich“, sagt Tobias. Unvorhersehbare Ereignisse, politische Entscheidungen oder virale Kampagnen bleiben Risiken, die sich auch mit noch so vielen Daten nicht sauber vorhersagen lassen. Hinzu kommt ein weiteres strukturelles Problem: fehlende Informationen. „Wenn Marketing eine Influencer-Kampagne plant und die Logistik nichts weiß, hilft auch die beste KI nichts.“ KI kann Daten verarbeiten, Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten berechnen. Aber sie kann keine Informationen erfinden, die nie geteilt wurden.
Genau an dieser Stelle verschwimmt in der Praxis oft die Grenze zwischen echtem Nutzen und bloßem Buzzword. Der KI-Begriff wird inflationär genutzt. „Es gibt viel Marketing-Bullshit-KI“, sagt Tobias. „Man nennt es AI, aber eigentlich sind es nur ‚Artificial Interns‘.“ Entscheidend ist deshalb weniger das Etikett als die Frage, ob eine Anwendung tatsächlich messbar zu besserer Planung, geringeren Abweichungen und spürbarer Entlastung im operativen Alltag führt.
Macht KI Prozesse besser?
„Da würde ich leicht widersprechen“, sagt Tobias. „Die Peaks bleiben. KI glättet kein Volumen.“ Die Erwartung, dass KI automatisch alle Probleme löst, ist weit verbreitet, aber trügerisch.
Was KI leisten kann, ist etwas anderes:
„Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass du vorhersehen kannst, was kommt und dadurch besser planen kannst.“
Schlechte Prozesse bleiben schlechte Prozesse. Aber: bessere Planung schafft Luft.
„Führungskräfte müssen weniger Zeit mit Personalplanung verbringen und können sich um Prozessverbesserungen kümmern“, so Tobias. Das sei ein mittelfristiger Effekt, kein Sofortgewinn.
Akzeptanz im Lager: Zwischen Skepsis und Erleichterung
Technologie trifft immer auf Menschen und im Lager ist die Reaktion auf KI alles andere als einheitlich. Die Einführung neuer Systeme wird nicht nur als technischer Fortschritt wahrgenommen, sondern vor allem als Eingriff in gewohnte Abläufe und Sicherheiten.
„Ich habe alles erlebt“, berichtet Tobias über die Einführung des KI-Planungstools. „Von Skepsis bis Dankbarkeit.“
Im Mittelpunkt der Sorgen steht vor allem eine Frage: der mögliche Jobverlust.
„Viele fragen sich, ob ihre Arbeit dadurch überflüssig wird.“
Genau hier wird Kommunikation zum entscheidenden Faktor. Transparenz und Einordnung bestimmen, ob Angst oder Vertrauen entsteht.
„Bessere Planung heißt nicht: 30 Leute gehen. Sondern: Arbeit verändert sich.“
In Lagern, die dauerhaft „im roten Bereich“ laufen, überwiegt dagegen oft die Erleichterung. Dort wird KI weniger als Bedrohung, sondern als Entlastung wahrgenommen:
„Da sind viele dankbar, dass Struktur reinkommt und dieses permanente Am-Limit-Arbeiten weniger wird.“
Verstehen schafft Vertrauen
Ein zentraler Hebel für Akzeptanz ist Transparenz.
„Informationen helfen auf jeden Fall“, sagt Tobias über die Einführung des Tools.
Es geht nicht darum, jedes mathematische Detail offenzulegen, sondern nachvollziehbare Beispiele zu zeigen. „Exemplarisch erklären, warum sich etwas verändert. Das hilft.“
Wichtig dabei: Nicht nur Entscheider*innen, sondern auch Anwender*innen abzuholen.
„Einkäufer*innen und Nutzer*innen sind oft nicht dieselben Personen“, so Tobias. „Beide brauchen unterschiedliche Erklärungen.“
Fazit: Technologie kann viel, Vertrauen braucht Zeit
KI-gestützte Personalplanung ist kein Allheilmittel. Sie löst keinen Fachkräftemangel und ersetzt keine sauberen Prozesse. Aber sie schafft etwas, das in vielen Lagern verbessert werden könnte: Planbarkeit.
Die eigentliche Herausforderung liegt weniger in der Technologie als in der Akzeptanz. Dort, wo transparent kommuniziert wird, wo Sorgen ernst genommen werden und wo Effekte nachvollziehbar sind, kann KI entlasten, statt zu verunsichern.
Oder, wie Tobias es am Ende formuliert:
„Neugierig bleiben, offen sein und immer fragen: Was bringt es konkret?“
*Erfahrungswerte aus Projekten von foresAIght.ai sowie 15 Jahre Expertise in der Logistikbranche