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Das unterschätzte Klimaproblem im Lager

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Über Nachhaltigkeit in automatisierten Kleinteilelagern. Ein Interview mit Timo Landener zu Energie, Dichte und CO₂ in der Intralogistik.

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In a nutshell: Kaum ein Bereich der Intralogistik ist so stark automatisiert wie das Kleinteilelager.
Es gilt als Symbol für Effizienz, für Tempo, Platzersparnis und optimierte Prozesse. Doch in der Nachhaltigkeitsdebatte bleibt dieser Teil der Logistik oft außen vor. Während meist über Energieverbrauch und Transportwege gesprochen wird, entsteht der größte CO₂-Fußabdruck bereits bei Bau und Ausstattung: in Regalen, Stahl und Halle.

Darüber haben wir mit Timo Landener, Innovation Manager (+Sustainability) bei Körber und Host des Podcasts Das Gleiche in Grün, gesprochen. Er erklärt, warum Energieeffizienz zur Schlüsselfrage der Nutzungsphase wird, wo die Branche noch blinde Flecken hat und weshalb Nachhaltigkeit in der Intralogistik längst auch ökonomisch gedacht werden muss.

Diesen Beitrag und viele weitere Einblicke rund um automatisierte Kleinteilelager findest du hier in unserem zweiten even Report, unserem Praxisleitfaden zu automatisierten Kleinteilelagersystemen.

Nachhaltigkeit spielt noch eine sehr kleine Rolle

Timo, du arbeitest seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Automatisierung und Nachhaltigkeit. Wie präsent ist das Thema in der Intralogistik aktuell wirklich?

Timo Landener: Noch viel zu wenig. Auf Herstellerseite gibt es ein gewisses Bewusstsein, meist im Zusammenhang mit Energieverbrauch, aber das Thema ist längst nicht verankert. Auf Kundenseite spielt Nachhaltigkeit praktisch keine Rolle. Entscheidungen fallen nach klassischen Kennzahlen wie Durchsatz, Kosten und Amortisation. Nachhaltigkeit – auch der Energieverbrauch – taucht, wenn überhaupt, als Randnotiz auf.

Erst der Ukrainekrieg und die Energiekrise 2022 haben das verändert. Plötzlich wurde Energieverbrauch zu einem echten Kostenfaktor. Anbieter mussten Kennzahlen liefern, die vorher niemanden interessiert hatten. Heute ist Energieeffizienz der einzige Nachhaltigkeitsaspekt, der regelmäßig hinterfragt wird. Aber selbst der steht im Vergleich zu Preis und Leistung noch weit hinten.

Energie ist das Zukunftsthema. Punkt.

Du sagst, Energie wird das bestimmende Thema bleiben. Was genau meinst du damit?

Timo Landener: Energie ist das aktuelle Zukunftsthema, Stichwort Energiewende. Das gilt nicht nur für die Intralogistik, sondern für die gesamte Wirtschaft. Die essenzielle Frage ist die der Energiequelle, sprich der Umbau von einem fossilen System zu einem System, welches (vorrangig) erneuerbare Energien in Verbindung mit Energielangzeitspeichern nutzt.

In einer gewissen Transformationsphase bleibt die Energieeffizienz aber entscheidend. Viele Unternehmen arbeiten in dieser Transformation mit einem Energiemix. Deshalb zählt, wie effizient Systeme den gleichen Output mit weniger Strom erreichen. Ob durch Software, die Leerfahrten vermeidet, oder durch ein Energiemanagement, das Aufträge so steuert, dass Spitzenlasten geglättet werden: Jede eingesparte Kilowattstunde senkt die Kosten.

Und das Thema wird weiter an Bedeutung gewinnen. KI, Cloud, Automatisierung – all das braucht Energie. Wer sie effizient nutzt, hat langfristig die Nase vorn.

DC-Microgrids: Effizienz durch Gleichstrom

Neue Energiekonzepte wie DC-Microgrids (Gleichstrom-Mikronetze) könnten künftig helfen, Energieverluste im Lager deutlich zu reduzieren. Statt wie bisher Wechselstrom (AC) mehrfach umzuwandeln, lassen sich bei DC-Netzen Verbraucher, Speicher und PV-Anlagen direkt koppeln. Dadurch sinken Umwandlungsverluste um 5–15 %, Bremsenergie kann einfacher rückgespeist und Strom effizienter genutzt werden.

Laut dem BMWK-Projekt „DC-INDUSTRIE2“ ergeben sich weitere Vorteile:
  • bis zu 50 % weniger Energieverbrauch bei Brems- und Hubwerken,
  • bis zu 50 % weniger Kupferbedarf in Leitungen,
  • geringere Netzspitzen und stabilere Versorgung,
  • einfache Integration erneuerbarer Quellen wie Photovoltaik.
DC-Microgrids gelten damit als ein wichtiger Baustein für zukünftige, energieeffiziente Lagersysteme.

 

Regale sind der größte CO₂-Rucksack

Du hast gesagt, der größte CO₂-Rucksack steckt gar nicht im System selbst, sondern im Regal.

Timo Landener: Genau. In der Herstellung entsteht der größte CO₂-Anteil im Stahl. Regale bestehen fast immer aus Stahl, und der hat einen enorm hohen Fußabdruck. Nach meiner Einschätzung liegen etwa 80 Prozent der Emissionen in der Herstellung tatsächlich im Regalbau – also im Stahl, nicht im Shuttle oder Kran. Wobei man natürlich anfügen muss, dass die Anzahl der Kräne, aber vor allem der Shuttle in einem Gesamtsystem ebenfalls entscheidend ist.

Noch deutlicher wird das, wenn man die Halle mit einbezieht: Beton, Stahl, Aluminium. Das sind die eigentlichen Treibhausgasverursacher, was ja auch nachvollziehbar ist, denn hier reden wir ja von der Schwerindustrie (hard-to-abate).

In der Nutzungsphase verschiebt sich das Bild. Über 30 oder 40 Jahre Laufzeit wird der Energieverbrauch zum dominanten Faktor. Und da kommt es darauf an, wie schnell der Anteil erneuerbarer Energien wächst. Wenn ein Lager künftig mit beispielsweise eigenem PV-Strom und Speichersystemen betrieben wird, kann die Bilanz fast auf null sinken. Aber bis dahin bleibt der Energieverbrauch das zentrale Thema.

Heute zählt der Betrieb, künftig die Herstellung

Heißt das, aktuell ist die Nutzung entscheidend, in Zukunft aber eher die Produktion?

Timo Landener: Genau. Heute überwiegt der Energieverbrauch über die Lebensdauer, aber mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien wird sich das Verhältnis umkehren. Dann wird die Herstellungsphase relevanter, also die Frage, aus welchen Materialien gebaut wird. Stahl, Beton, Aluminium: Das sind langfristig die Baustellen.

Recycelter Stahl oder Holz – es gibt Alternativen

Wenn wir über Materialien sprechen: Welche Optionen haben Unternehmen heute, nachhaltiger zu bauen?

Timo Landener: Stahl und Aluminium sind in der Branche gesetzt. Sie sind robust, bekannt, kalkulierbar. Wer sie nutzt, geht kein Risiko ein, aber auch keinen Schritt nach vorn. Es gibt längst Alternativen. Recycelter Stahl ist ein teilweise etabliertes Beispiel. Stahl ist zwar energieintensiv in der Herstellung, kann aber über Jahrzehnte genutzt und durch Recycling wiederverwertet werden.

Holz ist spannend, weil es CO₂ speichert, am Lebensende biologisch abbaubar ist und eine ganz andere Klimabilanz hat. Natürlich gibt es hierbei Vorbehalte – Brandschutz, Statik – aber das sind lösbare Themen. Entscheidend ist: Es bewegt sich etwas.

Was mich wundert: Auf Kundenseite wird darüber kaum gesprochen. Die Diskussionen, die es mal gab, sind wieder abgeflaut. Statt langfristig zu denken, zählen wieder kurzfristige Kosten. Dabei ist der regulatorische CO₂-Preis längst absehbar. Wenn er steigt, und das wird er, kippt die Wirtschaftlichkeit. Recycelter oder grüner Stahl wird sich dann rechnen, wenn der CO₂-Preis ein kalkulatorischer Faktor wird und kein zahnloser Tiger bleibt.

Circular Economy ist knallharte Ökonomie

Du sprichst oft von Kreislaufwirtschaft. Was heißt das konkret für die Intralogistik?

Timo Landener: Circular Economy ist knallharte Ökonomie. Wir leben auf einem Planeten mit endlichen Rohstoffen. Wenn sie knapp werden, steigen die Preise. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass Materialien im Kreislauf bleiben – letztlich aus Kostengründen.

Recycling ist dabei nur die letzte Stufe. Davor kommen die berühmten R’s: Refurbishment, Repair, Reuse, Remanufacturing, etc. Ich bin überzeugt: Die Rohstoffe der Zukunft kommen nicht mehr aus der Erde, sondern aus dem, was wir heute „Müll“ (besser: Sekundärrohstoffe) nennen. Und wer schon jetzt anfängt, das mitzudenken, hat später die besseren Karten.

Nachhaltigkeit ist ökonomische Vernunft

Viele verbinden Nachhaltigkeit noch mit Zusatzkosten. Du siehst das anders.

Timo Landener: Ja, weil das zu kurz gedacht ist. Nachhaltigkeit heißt effizienter, günstiger und unabhängiger zu werden. Weniger Energie, weniger Fläche, weniger Rohstoffe. Das sind alles Kostenfaktoren.

Mich irritiert, dass Nachhaltigkeit oft in die moralische Ecke gestellt wird. Dabei geht es um betriebswirtschaftliche Fakten. Energiepreise, CO₂-Abgaben, Materialkosten – wer nur auf den Einkaufspreis schaut, rechnet falsch.

Wir lagern zu viel Luft

Gibt es Nachhaltigkeitsaspekte, die deiner Meinung nach unterschätzt werden?

Timo Landener: Absolut. Die Lagerdichte. Viele Hallen bestehen zu einem großen Teil aus Luft, die mitgeheizt oder gekühlt werden muss. Ich nenne das das „Ikea-Problem“. Dichte Systeme sparen Fläche, Energie und Geld. Dass verdichtete Systeme ebenfalls einen Impact auf die typischen Nachhaltigkeitskennzahlen haben, wird kaum in Wirtschaftlichkeitsberechnungen berücksichtigt. Bestenfalls wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Nachhaltigkeit gehört in die Total Cost of Ownership

Wenn du Logistikverantwortlichen eine Empfehlung geben müsstest, welche wäre das?

Timo Landener: Ich würde mir bei jeder Systementscheidung eine CO₂-Bilanz geben lassen, von der Herstellung bis zur Nutzung. Und ich würde Szenarien rechnen: Was passiert, wenn Energiepreise steigen? Wenn der CO₂-Preis sich verdoppelt?

Nachhaltigkeit gehört in die Total Cost of Ownership. Das ist keine Idealvorstellung, sondern wirtschaftlich notwendig.

Nachhaltigkeit ist kein Extra, sie ist Zukunftsfähigkeit

Was bleibt für dich als Fazit?

Timo Landener: Automatisierte Systeme sind oft schon nachhaltiger als manuelle, allein wegen der Dichte und Effizienz. Aber Nachhaltigkeit ist kein Extra. Sie ist Teil der Zukunftsfähigkeit. Wer sie ignoriert, hat bald kein ökologisches, sondern ein wirtschaftliches Problem.

Nachhaltigkeit darf nicht mehr als Zusatz verstanden werden. Sie muss in der Logistik genauso selbstverständlich sein wie Produktivität oder Sicherheit. Wenn wir das verinnerlichen, sprechen wir nicht mehr über Pflicht, sondern über Fortschritt.


Wer sich intensiver mit automatisierten Kleinteilelagern beschäftigen will, findet im even Report #2 weitere Interviews, Einordnungen und Praxisbeispiele zu automatisierten Kleinteilelagersystemen.

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