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„Ich baue das größte Logistikimperium Deutschlands“
Wie ein junger Gründer die Logistik neu denkt - mit Leon Michel, CEO con fly fulfillment GmbH.
In a nutshell: Leon Michel, CEO von fly fulfillment GmbH, ist 23 Jahre jung, führt rund 80 Mitarbeitende und hat in kürzester Zeit ein Fulfillment-Unternehmen aufgebaut, das bereits Millionen von Bestellungen abgewickelt hat. Mit klarer Vision, starker Präsenz auf Social Media und einem frischen Blick auf Prozesse steht er für eine neue Generation in der Logistik. Doch wie viel Veränderung steckt wirklich in diesem Ansatz und wo zeigen sich erste Herausforderungen? Dieser Artikel schaut genauer hin und verbindet Aufbruchsstimmung mit einem realistischen Blick auf Wachstum und Marktmechaniken.
Vom eigenen Wachstum zur eigenen Infrastruktur
Leons Weg in die Logistik nimmt seinen Anfang im E-Commerce. „Ich habe nie klassisch eine Ausbildung oder ein Studium gemacht, es war immer Learning by Doing“, sagt er selbst. Sein erstes Business startete er mit 17 Jahren im E-Commerce. Personalisierter Schmuck, eigene Produktion, schnell wachsend. Am Ende: „3-4 Lasermaschinen und über 20 Mitarbeitende.“
Produktion und Versand wurden immer komplexer, die Bestellzahlen stiegen rasant. „Wir hatten irgendwann über 1000 Aufträge am Tag und dann kamen die Anfragen von Mitbewerbern“, beschreibt er. Aus der eigenen Lösung für ein wachsendes Geschäft entwickelte sich ein eigenständiges Business. Heute betreibt Leon mit fly fulfillment GmbH ein Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitenden und verarbeitet täglich fünfstellige Bestellmengen. Die Logistik wuchs organisch aus der Praxis heraus und war eng mit den täglichen Herausforderungen im E-Commerce verknüpft. Dieses Verständnis bleibt bis heute ein zentraler Bestandteil seines unternehmerischen Ansatzes. „Ich schaue immer noch durch die E-Commerce-Brille“, sagt Leon.
Dieser Gedanke zieht sich durch viele seiner Entscheidungen. Wer die Abläufe und Erwartungen auf Kundenseite selbst erlebt hat, entwickelt ein anderes Gespür für Prozesse. Es geht weniger um interne Strukturen und stärker um die Frage, wie Abläufe für den Kunden funktionieren und sich im Alltag bewähren.
Geschwindigkeit als Prinzip, nicht als Ausnahme
Im Wettbewerb mit größeren und etablierten Anbietern versucht Michel, sich vor allem über Erreichbarkeit und Reaktionsgeschwindigkeit zu positionieren. Sein Ansatz ist es, näher am operativen Alltag der Kunden zu sein und schneller auf Anfragen zu reagieren. Auch im Kundenservice zeigt sich dieser Anspruch. „Wenn wir nicht in 3 Stunden eine ordentliche Antwort liefern, dann kann man uns abmahnen.“
Das wirkt zunächst sehr ambitioniert. Gleichzeitig spiegelt es eine Entwicklung wider, die in vielen Bereichen längst Realität ist. Kunden erwarten heute schnelle Antworten, unabhängig von Branche oder Unternehmensgröße. Gerade im E-Commerce, wo Prozesse eng getaktet sind, wird diese Geschwindigkeit zum entscheidenden Faktor. „Wir arbeiten aktuell 6 Tage die Woche und werden auf 7 Tage skalieren,“ ergänzt Leon.
Frischer Blick auf die Branche: Was heute besser laufen kann
Leons Blick auf die Branche ist scharf und trifft teilweise ins Schwarze. Er unterscheidet drei Problemfelder bei etablierten Logistikunternehmen:
1. Fehlende Digitalisierung
„Da hocken 20 Leute im Backoffice, die unnötige Arbeit machen.“
Sein Gegenmodell: Automatisierung durch KI, schlanke Prozesse, weniger Overhead.
2. Schlechter Kundensupport
„Kunden warten zwei Tage auf eine Antwort.“
Seine Lösung: „Weil ich aus der E-Commerce-Brille schaue, weiß ich, der E-Commerce-ler arbeitet 7 Tage rund um die Uhr. Dementsprechend bieten wir auch 7 Tage Kundensupport an.“
3. E-Commerce-Denken wird zum Standard
„Bei den alteingesessenen Firmen sitzen meistens irgendwelche Logistiker, die gar nicht wissen, was E-Commerce heutzutage ist.“
Seine Ansicht: Logistik ist eng mit dem Tagesgeschäft der Marken verbunden und muss sich an deren Geschwindigkeit und Erwartungen orientieren: „Wir sprechen dann in der gleichen Sprache.“
Sichtbarkeit als strategischer Hebel
Neben operativen Themen setzt Leon stark auf ein Element, das in der Logistik lange eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Persönliche Sichtbarkeit als CEO via LinkedIn, Instagram und TikTok. „Menschen kaufen von Menschen“, sagt er. „Klar, es ist Marketing für mein Business“, ergänzt er offen. Damit beschreibt er etwas, das viele Unternehmer heute erst lernen: Sichtbarkeit ist ein Werkzeug.
Mit dieser Überzeugung baut Leon seine Personal Brand gezielt auf. Unterstützt durch eine Agentur investiert er monatlich mehrere tausend Euro in Content, der Einblicke in seinen Alltag und sein Unternehmen gewährt. Die Wirkung zeigt sich schnell. „Wir hatten immer mal so drei bis fünf Anfragen im Monat, jetzt sind es 40 bis 50”, berichtet Leon stolz.
Diese Entwicklung ist bemerkenswert, weil sie zeigt, wie stark sich auch im B2B-Bereich Entscheidungsprozesse verändern. Vertrauen entsteht nicht mehr nur durch Referenzen oder lange Marktpräsenz, sondern zunehmend durch Sichtbarkeit und Nahbarkeit.
Gleichzeitig bleibt der junge CEO selbst reflektiert im Umgang mit diesem Thema. „Die Hürde ist im Endeffekt, gegen die ganzen investorengetriebenen Megacompanies anzutreten. Wir müssen uns einfach eine Nische suchen.”
Zwischen Anspruch und Realität
„Ich baue das größte Logistikimperium Deutschlands.“ So klar die Vision formuliert ist, so spannend wird es bei der Frage, wie sich das Unternehmen weiterentwickelt. Denn mit wachsender Größe verändern sich zwangsläufig auch die Anforderungen.
Was Leon aktuell aufbaut, ist spannend. Die Geschwindigkeit, die Klarheit in der Kommunikation und das Verständnis für moderne Marketingmechaniken setzen Impulse, von denen die Branche profitieren kann.
Leon beschreibt jedoch auch die ersten Wachstumsschmerzen sehr offen: „Ich bin nicht mehr jeden Tag im Lager, das kann ich nicht mehr. Ich sitze fast nur noch in Meetings.“
Mit zunehmender Unternehmensgröße steigt die Komplexität im Unternehmen und die Herausforderung, diese Ansätze nachhaltig in Strukturen zu überführen. Denn am Ende entscheidet nicht die Geschwindigkeit des Starts, sondern die Stabilität des Systems.
Skalierung ist kein Content
Ein wachsendes Unternehmen braucht mehr als Reichweite.
Was sich jedoch bereits erkennen lässt, ist eine Veränderung in der Art, wie Logistik gedacht und kommuniziert wird. Mehr Tempo, mehr Sichtbarkeit, mehr Nähe zum Kunden. Für etablierte Unternehmen liegt darin eine Chance. Nicht alles muss neu gedacht werden, aber vieles kann hinterfragt werden. Gerade im Marketing und in der Kundenkommunikation zeigen sich Potenziale, die lange ungenutzt geblieben sind.
Leon steht damit weniger für einen radikalen Umbruch, sondern eher für eine neue Perspektive auf eine bekannte Branche. Eine Perspektive, die inspiriert und gleichzeitig zeigt, dass auch moderne Ansätze sich im Alltag beweisen müssen. Und genau das macht Leon zu jemandem, den man in der Branche im Blick behalten sollte.
Er steht für eine Generation, die nicht fragt, wie Dinge gemacht wurden – sondern wie sie besser gehen.