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Vom FC Bayern an die Laderampe
"Es hat mich komplett überfahren" - ein Gespräch mit Patrick Bauer, MH Transport Und Logistik GmbH.
In a nutshell: Der Kontrast könnte nicht größer sein: VIP-Bereich, Sponsoring-Deals und der SAP Garden auf der einen Seite. 40-Tonner, Palettenmanagement und Tourenplanung auf der anderen. Patrick Bauer beschreibt seine Zeit als Senior Strategic Partnerships Manager beim FC Bayern Basketball rückblickend als „rosarote Bubble“. Den Einstieg in die Logistik hat er hingegen „komplett unterschätzt“. In diesem Artikel erzählt er, was passiert, wenn man eine schillernde, bekannte Welt verlässt und in eine Branche springt, deren Komplexität man vorher kaum erahnt hat.
Karriereentscheidung oder schlichtweg eine Gelegenheit
Patrick verbrachte sechseinhalb erfolgreiche Jahre beim FC Bayern Basketball. Dort war er tief im Marketing involviert und begleitete unter anderem den Naming-Right-Wechsel zum BMW Park sowie die Komplettvermarktung für den neuen SAP Garden.
„Ich hatte beim FC Bayern eigentlich alles durchgespielt – von der Vermarktung neuer Hauptpartner bis hin zu den Naming Rights. Das alles noch mitzunehmen, war extrem spannend“.
Doch parallel wuchs der Wunsch nach etwas Neuem. Als klar wurde, dass er mit seiner Frau zurück ins Allgäu ziehen würde und sein Schwiegervater zeitgleich einen Nachfolger für die familieneigene Spedition suchte, kreuzten sich die Wege. Patrick erinnert sich: „Ich suchte nach meinem nächsten Karriereschritt, und mein Schwiegervater suchte nach einem potenziellen Nachfolger“.
„Let's do it“: Der Sprung ins kalte Wasser
Hochzeit, Umzug nach Kempten, Abschied vom geliebten Team in München und der Einstieg in eine völlig fremde Branche. Das alles passierte innerhalb weniger Monate. Patrick war voller Motivation: „Als Sportsmann habe ich darin direkt eine Herausforderung gesehen und mir gesagt: ‚Let's do it!‘ – auch wenn das im Nachhinein vielleicht etwas blauäugig war“.
Doch die Realität ließ nicht lange auf sich warten: „Im Nachhinein muss ich sagen: Es war definitiv blauäugig. Der Einstieg hat mich schlichtweg komplett überfahren“.
Wie viel Mut braucht ein radikaler Quereinstieg und wann wird dieser Mut unweigerlich zu einer Art Naivität?
Willkommen in der Realität: Warum Logistik alles übertrifft
Für Patrick war der Wechsel ein brutaler fachlicher und mentaler Reality-Check. Er gibt offen zu, die Speditionswelt völlig falsch eingeschätzt zu haben:
„Ich habe es wirklich komplett unterschätzt. Die Logistik ist für mich die krasseste Branche überhaupt, weil so unglaublich viele Faktoren und komplexe Abläufe aneinander hängen“.
Er erkannte schnell, dass in der Logistik das wahre Herz der Wirtschaft schlägt: „Das hat mich sofort auf den Boden der Tatsachen geholt. Mir wurde klar: Genau so läuft das Unternehmertum. Wenn die Logistik in Deutschland nicht funktioniert, geht gar nichts mehr und dann bekommt niemand mehr sein Essen“.
Vom Schreibtisch in den 40-Tonner
Wie verschafft man sich Autorität in einer Welt, die man selbst noch nicht versteht?
Patrick wählte nicht den klassischen Quereinstieg, bei dem er erst einmal nur strategisch aus dem Büro zuschaut. Er ging an die Basis: „Der erste wichtige Schritt auf diesem Weg war für mich definitiv der LKW-Führerschein“. Er wollte verstehen, wie die Arbeit seiner Kollegen*innen wirklich funktioniert.
„Mittlerweile schaffe ich es ab und zu recht gut, rückwärts an die Laderampe zu fahren. Das ist für mich immer noch absolut verrückt. Wenn ich bedenke, wo ich vor zwei Jahren stand und dass ich jetzt einen 40-Tonner rangiere, frage ich mich manchmal selbst: ‚Alter, was machst du hier eigentlich?‘ Aber genau das gibt mir Selbstvertrauen, weil ich merke, dass ich aktiv etwas beitragen kann“.
Externe Impulse und die eigene Nische
Trotz des Führerscheins und der offenen Art bleibt der "Neue" erst einmal der "Neue". Patrick sitzt nun mit fünf Logistikexperten*innen im Büro und spürt die eigene innere Zerrissenheit. Den Support aus dem Team empfindet er zwar als enormen Rückhalt „Sie sagen mir: ‚Hey, du machst das super und wir glauben an dich.‘ Ich spüre, dass ich im Team extrem gut aufgenommen wurde. Aber ich persönlich fühle mich im Kopf noch nicht zu hundert Prozent angekommen – mein Team ist da gedanklich wahrscheinlich schon weiter als ich“.
Um in diese große Rolle hineinzuwachsen, merkt Patrick, dass der Zuspruch von innen allein oft nicht reicht. Zwar ist sein Schwiegervater ein wichtiger Mentor für ihn, doch um Prozessoptimierungen und die digitale Transformation anzustoßen, sucht er gezielt nach externen Impulsen: „Ich bräuchte zusätzlich einen externen Mentor, jemanden von außen, mit dem ich meine Themen und Herausforderungen unbefangen teilen kann. Ich sitze aktuell in dieser Familienspeditions-Bubble und versuche gezielt, mein Netzwerk mit Leuten auszubauen, die den Weg in die Nachfolge selbst schon gegangen sind“.
Während er sich diese Impulse für die Speditionsarbeit noch sucht, baut er sich gleichzeitig im Unternehmen einen Bereich auf, in dem er sich schon heute sicher fühlt: Er kümmert sich um das Employer Branding, baut neue Vertriebspräsentationen und stärkt die Marke. Teilweise plagt ihn dabei sein schlechtes Gewissen: „Manchmal denke ich mir: ‚Ich sollte vielleicht noch viel mehr reine Spedition machen.‘ Aber es ist verdammt schwer, den ganzen Tag nur Dinge zu tun, die man noch nicht perfekt beherrscht oder die komplett neu für einen sind“.
Muss ein Quereinsteiger wirklich von Tag eins an alles perfekt beherrschen, um seinen Wert zu beweisen oder darf er sich genau dorthin zurückziehen, wo seine Stärken liegen, um nicht den Verstand zu verlieren?
Die rosarote Bubble vs. echte Arbeit
Wenn Patrick heute auf seine Zeit beim FC Bayern zurückblickt, wird ihm der enorme Unterschied zwischen den Welten klar:
„Rückblickend war der FC Bayern für mich eine rosarote Bubble. Ich musste erst wieder lernen, was es bedeutet, "richtig" zu arbeiten. Früher bestand das Daily Business aus Teams-Calls und Präsentationen. Heute klingelt das Telefon und wir müssen im Minutentakt operative Probleme lösen“.
Das ist kein Angriff auf das Sportbusiness, sondern die pure Erkenntnis über zwei völlig unterschiedliche Arbeitsrealitäten. Im Sportbusiness trauert er zwar oft noch den großen, geteilten Emotionen und den Meisterschaften hinterher. Doch in der Logistik hat er etwas anderes gefunden: „Am Ende des Tages weiß man einfach, dass man hier einen wirklich effektiven Beitrag zur Wirtschaft und Gesellschaft leistet“.
Die Reise hat gerade erst begonnen
Der Quereinstieg ist für Patrick noch lange nicht abgeschlossen. Er hat die Branche noch nicht vollständig durchdrungen, er fühlt sich noch nicht zu 100 % angekommen und er muss sein Selbstvertrauen jeden Tag neu aufbauen. Aber genau darin liegt für ihn der unglaubliche Wert dieses Wechsels.
Sein abschließendes Fazit bringt es auf den Punkt: „Jedem, der die Chance zu so einem Schritt hat, kann ich es nur empfehlen. Man lernt nicht nur enorm viel über die Branche und das Unternehmertum, sondern vor allem extrem viel über sich selbst als Mensch“.
Und genau dieses „Lernen über sich selbst“ führt zur nächsten, noch viel größeren Herausforderung: Der fachliche Branchenwechsel ist nämlich nur die eine Seite der Medaille. Die wahre Belastungsprobe beginnt auf der psychologischen Ebene der Unternehmensnachfolge. Was macht es mental mit einem, wenn man als Schwiegersohn in die gewaltigen Fußstapfen des Chefs treten soll? Wie navigiert man zwischen ständigen Selbstzweifeln, der plötzlichen unternehmerischen Verantwortung und dem Drang, eine völlig eigene Vision für das Familienunternehmen zu entwickeln?
Warum Patrick die Nachfolge als „Gründen im Unternehmen“ beschreibt, welche Lektionen er in puncto Kommunikation lernen musste und ob er den Schritt bereut– all das lest ihr in Teil zwei unserer Artikelserie.