Verpackungsmaschinen im Überblick: Gute Automatisierung beginnt in den Daten
In a nutshell: „Ich habe so und so viele Pakete im Jahr, welche Maschine brauche ich?“ Diese Frage hört Nele Logemann von XPROMA sehr häufig. Eine pauschale Antwort gibt es nicht, denn entscheidend sind Auftragsstruktur, Peaks, Kartonformate und vor allem belastbare Stammdaten. Im Webevent erklärt Nele, warum sich Teilautomatisierung oft früher lohnt als gedacht. Und warum die Leistung aus dem Datenblatt selten der Durchsatz im eigenen Lager ist. Mit der PPWR rückt der Füllgrad in den Fokus, und viele Unternehmen sammeln dafür ohnehin gerade ihre Verpackungsdaten. Damit ist ein guter Zeitpunkt, die Verpackung genauso ernst zu nehmen wie die Kommissionierung.
Ich habe eine Million Pakete im Jahr. Welche Maschine brauche ich?
Nele: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die Paketzahl ist ein erstes Indiz, aber ich muss mehr wissen. Wie verteilen sich die Mengen, arbeiten wir im Ein- oder Dreischichtbetrieb, wie stark sind die Peaks? Wie viele Artikel und Kartonformate gibt es? Eine Million Sendungen können ein einfacher Automatisierungsfall sein, wenn es nur Single-Item-Sendungen sind. Mit hochindividuellen Multi-Item-Aufträgen wird es deutlich komplexer.
Deshalb ist der erste Schritt immer, den Prozess zu verstehen. Bei den Daten wird es dann oft dünn, besonders bei den Stammdaten. Das hat nicht nur mit den Kunden selbst zu tun, sondern auch mit deren Lieferanten. Ein gutes Beispiel ist das Handtuch im E-Commerce. Die Stammdaten beschreiben es ausgebreitet, aber nicht so, wie es im Regal liegt oder verpackt ist.
Ohne belastbare Stammdaten kann ich eine Verpackungslösung nur eingeschränkt sinnvoll auslegen. Wichtig sind Artikelabmessungen und Gewichte, aber auch die Auftragsstruktur. Wie viele Artikel stecken im Schnitt in einem Auftrag? Wie hoch ist der Single- und Multi-Item-Anteil, welche Kombinationen treten häufig auf? Dazu kommt die Kartonhistorie, also welche Größen ich wie oft verwende und wie voll sie sind. Erst dann erkenne ich, welche Sendungen sich standardisieren lassen. Auch die Steuerung braucht diese Daten, um zu entscheiden, auf welche Maschine ein Auftrag geht. Gute Automatisierung beginnt nicht mit der Maschine, sondern in den Daten.
Sollte man lieber schrittweise automatisieren oder gleich den großen Wurf wagen?
Nele: Teilautomatisierung wird oft früher interessant, als viele denken. Wenn Mitarbeitende jeden Tag dieselben Handgriffe machen, also Karton aufrichten, verschließen, etikettieren, kann man schnell ansetzen. Dafür muss man nicht gleich den gesamten Prozess umbauen. Wer komplett manuell startet, sollte sich und seine Mitarbeitenden ohnehin erst an den Prozess gewöhnen, denn Automatisierung muss auch angenommen werden. Vollautomatisierung wird interessant, wenn Volumen und Standardisierung hoch sind und die vor- und nachgelagerten Prozesse mitziehen.
Eine konkrete Grenze, etwa 200 Kartons am Tag, würde ich nicht nennen. Es macht einen Unterschied, ob das 200-mal derselbe Karton ist oder unterschiedliche Formate. Aber mit so einer Zahl könnte man schon mit einer einfachen Lösung starten. Wer einen Aufrichter hat, braucht nicht zwingend schon einen Verschließer. Du kannst erst mal herausfinden, ob du direkt in den aufgerichteten Karton kommissionierst, und deine Prozesse umstellen.
Beim Höhenreduzierer sind viele tatsächlich zurückhaltender, auch wegen der Kosten. Dabei macht er absolut Sinn. Sonst müsste ich mehrere Größen aufrichten und steuern, welcher Auftrag in welchen Karton kommt. Eine Größe aufzurichten und herunterzureduzieren, ist der viel einfachere Prozess. Oft unterschätzt wird außerdem Packaging on Demand für sperrige Artikel mit wenig Menge. Wenn ich zum Beispiel Fernseher verpacke und mir passgenaue Zuschnitte herstelle, spare ich sehr viel Material. Da rechnet sich eine Maschine super schnell, aber viele schauen gar nicht hin, weil es wie die Retoure kein Hauptprozess ist.
Was gehört in den Business Case, und wie realistisch ist die Maschinenleistung?
Nele: Ganz oben stehen natürlich Personalbedarf und Packleistung. Das ist meist der größte Hebel, aber nur damit zu rechnen, wäre nicht vollumfänglich. Dazu kommen Kartonagekosten und die Frage, wie viel Wachstum ich mir ermögliche. Bei sehr großen Kartons sind es oft gar nicht die Personalkosten, sondern ganz klar das Verpackungsmaterial.
Auf der anderen Seite stehen Kosten, die man nicht vergessen darf. Wer bisher mit Klebeband gearbeitet hat, nutzt jetzt vielleicht Heißleim, also ändern sich die Verbrauchsmaterialien. Wartung und Service sind sehr wichtig, dazu kommen Integrationskosten und Stromkosten.
Wer nur mit der Leistung aus dem Datenblatt rechnet, ist zu optimistisch. Wenn eine Maschine 1.000 Pakete pro Stunde kann, schafft der Gesamtprozess nicht automatisch 1.000 Pakete. Es gibt Pausen, Formatwechsel und Wartung. Außerdem muss die Kommissionierung die Maschine überhaupt auslasten können. Wir rechnen deshalb immer mit einer realistisch nutzbaren Gesamtleistung, nicht mit der theoretischen Maschinenleistung.
Right Size Packaging gilt als Königsweg. Was muss man dafür mitbringen?
Nele: Diese Maschinen gehören zu meinen Favoriten, weil der Automatisierungsgrad sehr hoch ist und sie viel wegschaffen. Mit Blick auf die PPWR sind sie das Nonplusultra, beim Leerraum gehen wir Richtung null Prozent. Aber auch hier muss ich mir Auftrags- und Artikelstrukturen anschauen und die Maschine richtig füttern. Viele Singles sind relativ easy, außer es sind ausschließlich Fußbälle. Dann wird die Zuführung zur kleinen Herausforderung.
Manche Maschinen eignen sich besser für Single Orders, andere für Multi Orders. Die Artikeldaten müssen stimmen, denn bei zu großen Abweichungen passt der Karton nicht mehr. Wer beides in hohen Mengen hat, kann Technologien kombinieren. Ein Kunde nutzt zum Beispiel On-Demand-Packaging für Singles und eine Höhenreduzierung für Multi Orders.
Bei solchen Maschinen machen wir deutlich mehr Referenzbesuche als beim Kartonaufrichter. Viele haben Sorge, dass ihr Artikelspektrum zu breit oder zu unhandlich ist. Am einfachsten ist es, sich die Maschine anzuschauen und ein paar eigene Artikel mitzubringen. Und ganz wichtig: Nimm alle mit, die später damit arbeiten. Wenn nur der Projektmanager überzeugt ist, haben die Operator Angst, an der Maschine etwas zu machen.
Fragen aus dem Chat
Die Teilnehmenden haben im Chat viele Fragen gestellt, die Nele live beantwortet hat. Die wichtigsten haben wir hier zusammengefasst.
Welche Änderungen bringt die PPWR, und worauf muss ich beim Planen schon heute achten?
Nele: Der Füllgrad wird immer wichtiger. Wir müssen wissen, wie viel Luft verschickt wird, um den optimalen Karton und die optimale Maschine zu finden. Auch die Reduzierung von Füllmaterial spielt eine Rolle. Sonst plant man die nächste Maschine und landet wieder bei zu viel Leerraum.
Viele, gerade die Größeren, haben sich schon intensiv mit dem Thema beschäftigt. Schwierig ist, dass in der PPWR noch nicht alles ganz klar ist. Deshalb bereiten viele erst mal alles vor und warten ab. Insgesamt sind aber mehr Daten vorhanden, und die Verpackung rückt stärker in den Fokus. Bisher haben sich viele zuerst mit der Kommissionierung beschäftigt, weil die Daten dort greifbarer sind.
Wir sehen einen Shift vom Karton zum Versandbeutel, auch aus Papier. Ist das auch deine Wahrnehmung?
Nele: Ja, das sehen wir auch. Den Markt bestimmen immer wieder äußere Einflüsse wie Regularien oder Portokosten. Beutel sind im Porto oft günstiger, etwa wenn ein Maxibrief statt eines Kleinpakets reicht. Lange hat man sich Papierbeutel gar nicht angeschaut, weil eine Papiertüte etwa zehnmal so teuer war wie eine Plastiktüte. Mit den Nachhaltigkeitsthemen und den Portoersparnissen wird das immer interessanter, meistens als Mischung aus Beutel und Karton.
Für den Leerraum im Beutel gelten perspektivisch die gleichen Regeln: Luft ist Luft. In der Tüte lässt sich natürlich ein bisschen mehr kaschieren. Aber du darfst keine zu große Tüte versenden, wenn du keinen zu großen Karton versenden darfst. Und es geht auch um die Marke. Keiner möchte die Brand sein, deren riesiger Karton mit einem kleinen USB-Stick auf Social Media landet.
Wohin entwickeln sich Verpackungssysteme in Zukunft?
Nele: Right Size und Höhenreduzierung sind seit Jahren die Klassiker. Ich glaube, mit dem, was es heute gibt, sind wir gut aufgestellt, aber die Lösungen müssen sich erweitern. Das Ziel ist, mit einer Maschine so viele Größen wie möglich abzubilden, mit möglichst wenig Einschränkungen und so schnell wie möglich. Technologisch wird es eher bei dem bleiben, was wir haben, nur in optimierten Versionen.
Gibt es Reporting-Möglichkeiten für PPWR-Daten bei Aufrichtern, Verschließern oder Beutelmaschinen?
Nele: Ja. Bei jedem Paket lässt sich erfassen, wie viel drin ist und wie viel Luft. Bei der Höhenreduzierung geht das vor und nach dem Deckeln, beim Right Size Packaging über das sogenannte Cubing. Da weiß man, auf welcher Basis die Box gebildet wurde. Bei Tüten ist es schwieriger und läuft wieder über die Stammdaten. Unsere Empfehlung: Schneidet auch die Tüte gleich auf die richtige Größe zu, so wie bei einer Right-Size-Kartonmaschine.
Fazit
Welche Verpackungsmaschine sich lohnt, entscheidet nicht die Paketzahl allein, sondern die Kombination aus Auftragsstruktur, Peaks, Kartonformaten und sauberen Stammdaten. Oft ist Teilautomatisierung ein sinnvoller erster Schritt, der Prozesse und Mitarbeitende mitnimmt. Im Business Case gehören neben Personal auch Material, Verbrauchsmittel, Wartung und eine realistische statt theoretische Leistung auf die Rechnung. Mit der PPWR wird der Füllgrad zur Kennzahl, die bei jeder Planung mitgedacht werden sollte.
Du willst tiefer einsteigen? In unserer Webinar-Reihe zu PPWR und Verpackungsautomatisierung geht es weiter. Als Nächstes geht es mit Ranpak um Daten aus der Packstraße und mit CMC um Box Last Packaging. Alle Termine und Aufzeichnungen findest du hier: Webinar-Reihe: PPWR und Verpackungsautomatisierung