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Ich, mein Schwiegervater und die Nachfolgeplanung

Lisa-Marie Karusseit

Rein ins Familienunternehmen - zwischen großen Fußstapfen und eigenem Weg. Der zweite Teil des Interviews mit Patrick Bauer.

In a nutshell: Wenn über Nachfolgeplanung gesprochen wird, dreht sich meist alles um die Frage: Wer übernimmt? Doch was macht eine anstehende Nachfolge eigentlich mit dem Menschen, der das Unternehmen eines Tages führen soll? Für Patrick Bauer bedeutete der Einstieg in die Spedition MH Transport Und Logistik GmbH seines Schwiegervaters den kompletten Umbruch seines Lebens: Neuer Wohnort, neue Branche und Selbstzweifel inklusive. Er ist noch nicht der Chef. Und trotzdem begleitet ihn die zukünftige Übergabe permanent. 

In diesem Artikel gibt er seltene, ehrliche Einblicke in die psychologische Last eines Nachfolgers. Er spricht über die mentale Herausforderung, das Dilemma, in die riesigen Fußstapfen des Schwiegervaters zu treten, und erklärt, warum eine Nachfolgeplanung ohne radikale Eigenreflexion und externe Kommunikation zum Scheitern verurteilt ist.  

Dies ist der zweite Teil des Interviews mit Patrick Bauer. Den ersten Teil findest du hier.

Die Nachfolge beginnt lange vor der Übergabe

Patrick, der aus dem Sportmarketing beim FC Bayern Basketball kommt, ist aktuell Trainee der Geschäftsführung in der Spedition seines Schwiegervaters. Er soll irgendwann übernehmen, ist aber noch nicht der Unternehmer. Und genau diese Zwischenposition ist extrem spannend und belastend.

„Auch wenn jetzt mein Schwiegervater noch da ist und ich eigentlich noch gar keine große Verantwortung habe, ist es natürlich schon ein großes Thema im Kopf“, gibt Patrick zu. Die Nachfolge ist kein Schalter, der einfach umgelegt wird. Sie ist ein ständiger innerer Prozess.

Es ist cool, sich als zukünftiger Geschäftsführer zu sehen, doch die Realität sieht anders aus: „Ich muss mir das nötige Selbstvertrauen für die Tätigkeiten in dieser neuen Branche  erst erarbeiten“, beschreibt er die aktuelle Situation. Nachfolge ist nicht nur ein organisatorischer Prozess, bei dem Verantwortung übergeben wird. Es ist ein tiefgreifender Identitätsprozess.

Der Mythos des gemachten Nests  

Das Kernkonzept von Patricks Reise lässt sich in einem starken Satz zusammenfassen: „Nachfolge bedeutet für mich in einer gewissen Art und Weise, ein Unternehmen im Unternehmen zu gründen“.

Während eine Startup-Gründer*in auf einer sprichwörtlichen grünen Wiese beginnt, startet der Nachfolger in einem gemachten Nest, das aber voller Herausforderungen steckt. Er oder sie übernimmt bestehende Prozesse und Kunden*innen, langjährige Mitarbeitende, feste Strukturen und eine gewachsene Unternehmenskultur. Die Erwartungen sind bereits gesetzt.

Und genau in diesem engen Korsett soll Patrick etwas Eigenes schaffen. „Du hast halt keine leere Spielwiese. Du bist quasi an ein bestehendes System gebunden“, erklärt er. Er möchte alte Strukturen langfristig aufbrechen und seinen eigenen Stil hinterlassen – ein Balanceakt, der oft schwieriger ist, als ganz bei null anzufangen.

Krise statt goldener Start

Hinzu kommt: Patricks Start in der Logistik fällt in eine wirtschaftlich schwierige Phase. 

„Wir müssen aktuell definitiv unsere Ausgaben im Auge behalten und größere Investitionen hinterfragen. Da wird im Team schon öfter mal diskutiert: Brauchen wir das aktuell wirklich und wo gibt es Einsparungspotential?“. Denn: Gestiegene Kosten, schwankende Dieselpreise und wirtschaftlicher Druck machen das Speditionsgeschäft gerade jetzt sehr anspruchsvoll.

Dieser Druck manifestiert sich bei Patrick als ständiger Begleiter: „Das ist schon noch ein kleiner Teufel auf der Schulter, der immer wieder anklopft und den man dann aktiv wegdrücken muss“. Doch genau in dieser Krise sieht Patrick die eigentliche Unternehmer-Schule: „Wenn dauerhaft Friede, Freude, Eierkuchen wäre, gäbe es keine Entwicklung. Ich sehe darin die Chance, diese Krisen mitzunehmen und als Unternehmen und Unternehmer gestärkt daraus hervorzugehen“.

Das schwierigste Amt im Unternehmen: Schwiegersohn des Chefs

Die größte persönliche Hürde in diesem Prozess ist jedoch Patricks spezifische Rolle. Denn der Chef ist gleichzeitig sein Mentor, sein Vorgänger, sein Vorbild, seine Messlatte und eben sein Schwiegervater.

Patrick formuliert diesen Konflikt sehr prägnant: „Das Schwierigste daran, der Schwiegersohn des Chefs zu sein, ist dass er einerseits deinen Weg begleitet und auch geebnet hat, aber andererseits einem so ein bisschen im Weg steht“.

Es geht darum, aus dem großen Schatten herauszutreten. „Die Fußstapfen von meinem Schwiegervater sind natürlich sehr groß“, gibt Patrick zu. Das führt zu einer immensen Herausforderung: „Es ist super schwierig, irgendwie sein eigenes Ding zu finden, ohne zu sehr auf ihn zu blicken“. 

Die Nachfolgestrategie: Kommunikation, Reflexion und externe Impulse

Wie übersteht man diese emotionale Achterbahnfahrt? Patrick hat für sich und für andere Unternehmen, die vor der Nachfolge stehen drei klare Erkenntnisse gewonnen:

1. Das Team braucht eine Vision: Es reicht nicht, wenn die Familie hinter verschlossenen Türen plant. „Der Nachfolger muss seine Vision präsentieren. Ich hätte gerne eine übergeordnete Vision, bei der jeder genau weiß, in welche Richtung wir gemeinsam laufen“.

2. Radikale Eigenreflexion: In Konflikten sucht Patrick die Schuld nicht bei anderen. „Ich bin reflektiert genug, um zu merken, dass die Triggerpunkte und Probleme oft bei mir selbst liegen und nicht im Außen. Dafür bin am Ende ich verantwortlich“.

3. Externer Austausch: Der wichtigste Rat betrifft den emotionalen Puffer. Patrick warnt davor, alles mit in die Beziehung zu nehmen: „Wenn ich alles bei meiner Frau ablade, ist das für sie extrem schwierig, weil ich am Ende ja auch über ihren Vater und das Familienunternehmen spreche. Man braucht unbedingt einen externen Austauschpartner, der emotional nicht so involviert ist“. Um die Belastung abzufedern, nutzt Patrick deshalb auch die Unterstützung aus seinem erweiterten Umfeld.

Netzwerk gesucht! 

Vielleicht brauchen Nachfolger generell weniger fertige Antworten von ihren Vorgängern als vielmehr einen neutralen Raum, in dem sie ihre Zweifel überhaupt erst einmal laut aussprechen können.

Patrick sucht gezielt nach Leuten aus der Branche, um aus ihren Erfahrungen zu schöpfen. Er braucht Input von außen. Zwar hat er seinen Schwiegervater als internen Mentor, doch er spürt deutlich: „Ich bräuchte vielleicht teilweise auch noch einen anderen Mentor.“ Jemand Außenstehenden, mit dem er seine Herausforderungen besprechen kann, ohne dass familiäre Verflechtungen eine Rolle spielen.

Du bist Mentor*in und Branchen-Insider*in oder hast einfach Lust, dich mit Patrick über Digitalisierung, Logistik und den mentalen Spagat des Unternehmertums auszutauschen? Dann schreib uns eine Nachricht auf LinkedIn oder eine Mail an johanna.peter@even-logistics.com. Wir connecten dich sehr gerne mit Patrick!

Wachstum mit Sportler-Mentalität

Patrick macht aus seinen Selbstzweifeln und Rückschlägen kein Geheimnis, doch genau das macht seine Reise so authentisch. Er geht seinen Weg mit der Haltung eines Sportlers. „Man sollte auf jeden Fall nie aufgeben, wenn man das Ganze macht als Nachfolger“, rät er. „Es gibt immer irgendwie eine Lösung“.

Doch er verschönt nichts. Der Weg zur eigenen Identität als Unternehmensleitung ist steinig. „Bis man seine Position findet, muss man vielleicht auch erst mal so ein bisschen durch den Dreck gehen“.

Denn genau darum geht es: Nachfolge lässt sich auf dem Papier vielleicht planen. Die emotionale Realität, das Scheitern und das Finden der eigenen Identität jedoch nicht.

Autor*in

Lisa-Marie Karusseit

Lisa ist seit mehreren Jahren als Personal- und Kommunikationsexpertin in den Bereichen E-Commerce und Logistik tätig. Bei even logistics teilt sie ihre umfangreichen Erfahrungen, führt Gespräche mit Expert*innen und zeigt auf, wie starke People & Culture-Strategien den nachhaltigen Erfolg von Logistikunternehmen fördern. Jenseits des beruflichen Alltags tobt sich Lisa mit abstrakter Kunst kreativ und auf dem Surfbrett sportlich aus.


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